Hanni Wäckerlin: «Die Arbeit mit ledigen Müttern war happig»

Ein Berufswunsch mag unerfüllt bleiben, das Berufsleben aber trotzdem erfüllend. Ein Beispiel dafür schenkt uns die 86-jährige Hanni Wäckerlin. Sie wäre gerne Lehrerin geworden, was ihr Vater nicht erlaubte. Pädagogisch war sie später trotzdem tätig, als Heimerzieherin und Beschäftigungstherapeutin.

Aus dem Fotoalbum von Hanni Wäckerlin

Fürs Leben gerne wäre Hanni Wäckerlin Lehrerin geworden. Deshalb hätte sie nach Primar- und Sekundarschule die Kantonsschule besuchen wollen. Doch ihr Vater erlaubte dies nicht. Zugesagt hätte ihr auch die Textilfachschule, doch von dieser Möglichkeit wusste sie leider nichts. «Also habe ich eine Ladenlehre gemacht, aber bald darauf auf Sozialarbeiterin umgesattelt», erzählt die 86-Jährige.

Die Lehre macht Hanni Wäckerlin in einem Geschäft für Kurzwaren wie Knöpfe oder Kragen. «Das war von der Materie her interessant», meint sie. Sie habe schon immer ein Flair für Textilien gehabt und später auch noch weben gelernt.

Lehr- und Wanderjahre

Nach der Lehre arbeitet sie noch ein Jahr lang an der Löwengasse in Schaffhausen. Anschliessend lässt sie sich zur Heimerzieherin ausbilden und steigt danach ins Berufsleben ein. Lange hält es sie nicht an einem Ort.

Das stete Verlangen Neues kennenzulernen, führt die junge Frau von einer Anstellung zur nächsten und einmal sogar nach Schweden, wo sie ein Jahr lang arbeitet. «Normalerweise sind junge Mädchen ins Welschland oder nach England gegangen. Aber mich hat es nach Schweden verschlagen», meint sie lachend. Für sie habe der Norden immer eine grosse Anziehungskraft behalten.

Am längsten arbeitet Hanni Wäckerlin in einem Heim für ledige Mütter. Da sei happig gewesen, meint sie rückblickend. «Zum Wohle der Kinder wurden die Mütter von Sozialstellen an das Heim verwiesen. Wir mussten sie Tag und Nacht hüten.» Es sei immer wieder vorgekommen, dass sich eine junge Mutter aus dem Staub gemacht habe.

Auf zu neuen Ufern

Als Hanni Wäckerlin die Stelle als Heimleiterin angeboten wird, verzichtet sie dankend und wendet sich erneut einem anderen Berufsfeld zu. In einem Werkseminar an der Kunstgewerbeschule lässt sie sich zur Beschäftigungstherapeutin ausbilden. Viele Jahre lang ist sie bis zum Ende ihres Arbeitslebens auf diesem Beruf tätig.

Verspielte Kindheit in einfachen Verhältnissen

Dem Berufsleben widmet Hanni Wäckerlin den grössten Teil der Rückschau auf ihr Leben. Doch ab und zu wandern ihre Gedanken auch zurück in ihre Kindheit.

Sie erzählt, dass sie auf dem Spielplatz jeweils «klirelet» und «gsürelet» haben und in der Kastanienallee Laubhüttenfeste feierten. Beim Confiseur hätten sie jeweils um «Abfälle» gebettelt und im Winter seien sie die «Beckenstube» hinunter geschlittelt.

Als Kind wohnte Hanni Wäckerlin in Schaffhausen, im dritten Stock eines Hauses mit Blick auf die ganze Stadt bis hin zum Munot. Eine Badewanne gab es nur im Keller – eine für alle drei Wohnparteien. Deshalb habe man sich jeweils im Wohnzimmer einmal wöchentlich gründlich gewaschen. «Ich hatte nie das Gefühl etwas zu vermissen», meint die 86-Jährige. Im Vergleich zu ihren Verwandten auf dem Land, hätten sie ein sehr gutes Leben geführt.

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