Kindheit und Jugend im städtischen Mittelstand

Zürich ist die Heimat von Erika Götz: Hier wurde sie geboren, hier ist sie aufgewachsen, hier lebt sie noch heute. Die 73-Jährige blickt zurück auf ihre Kindheit, Jugend und ihren beruflichen Werdegang. Ihre Erzählung gibt Einblick in die gesellschaftlichen Normen während der Nachkriegsjahre.

Aus dem Fotoalbum von Erika Götz

Erika Götz wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Die vierköpfige Familie lebt in ein einer kleinen Drei-Zimmer-Wohnung im Zürcher Quartier Wipkingen. Ihr Vater, ein gelernter Maschinenschlosser, arbeitet als Geschäftsführer in einer alten Zürcher Firma. Ihre Mutter ist Hausfrau und Mutter und verdient sich als Näherin ein wenig eigenes Geld dazu.

Zwei Schüblig für vier Personen

Mit dem Haushaltsgeld geht die Mutter von Erika Götz sehr sparsam um. Fleisch ist Luxus und kommt nur selten auf den Tisch. Dafür schätzt die Familie den selbst gemachten Hackbraten umso mehr, auch wenn er mehr Brot als Fleisch enthält. Für den Vater gibt es ab und zu einen Landjäger. Er arbeite schliesslich, so die Begründung.

Manchmal serviert die Mutter der Familie ein Paar Schüblig: Der Vater erhält einen ganzen, sie einen halben und die zwei Töchter je einen Viertel. Ende Monat, wenn das Geld knapp wird, setzt sich das Menu aus Mais und Apfelmus zusammen. Grundsätzlich wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Erika Götz sieht das heute als Vorteil: Bezüglich Essen sei sie überhaupt nicht heikel.

«  Meine Mutter musste für jedes Paar Strümpfe beim Vater ‹Bittibätti› machen. »

Erika Götz

Während eines Urlaubs kümmert sich einmal der Vater um den Einkauf. Nach wenigen Tagen überschreiten die Ausgaben das von ihm erstellte Budget – und die Mutter erhält fortan mehr Haushaltsgeld.

Auf spielerische Phantasie folgt Bestrafung

Eine weitere Anekdote veranschaulicht die Erziehungsmethoden Mitte des letzten Jahrhunderts. Erika Götz wird schon als Dreijährige zum Einkaufen geschickt. Sie soll ein Pfund Mais besorgen, was sie auch tut.

Doch auf dem Heimweg begegnet sie einem Nachbarjungen. Der Mais wird kurzerhand zu Sand erklärt und ausgeleert. Darauf lässt sich herrlich mit einem Spielzeug-Auto herumkurven.

Das vergnügte Spiel wird jäh unterbrochen, als Erika von ihrer Mutter an den Haaren hochgezogen wird. Zu Hause gibt es anschliessend mit einem Holzlöffel eine zünftige Tracht Prügel. Die Schläge kann Erika Götz verdauen, doch dass sie noch einmal für ein Pfund Mais in den Laden geschickt wird, empfindet die erst Dreijährige als demütigend. «Ich war überzeugt, dass im Laden alle wissen, was ich angestellt hatte.»

Berufswünsche kollidieren mit Gesellschaftskonventionen

Dieses Erlebnis liegt zwar schon 70 Jahre zurück, gehört aber noch heute zu den vielen lebendigen Erinnerungen von Erika Götz. Im Rückblick auf ihr Leben erzählt sie nebst Erlebnissen aus ihrer Kindheit auch von ihren Berufswünschen.

Buchhändlerin oder Bibliothekarin wäre sie gerne geworden. Doch dafür hätte sie die Matura benötigt, was ihre Eltern wiederum als unnötig erachteten. Sie werde schliesslich heiraten und Kinder haben, dafür brauche man keine Matura. Ausserdem schicke es sich nicht für eine junge Frau, in der Öffentlichkeit zu arbeiten.

Von der Sekretärin zur Prokuristin

Erika Götz fügt sich in ihr Schicksal und absolviert eine kaufmännische Lehre. Ihre Arbeitsstelle wechselt sie nach ihrer Ausbildung häufig. Der Arbeitsmarkt boomt, auf ein Inserat folgen rund zwei Dutzend Angebote. Mit 29 Jahren wird Erika Götz schliesslich im Bankensektor sesshaft. Sie wird Direktionssekretärin, wechselt später ins Controlling und arbeitet danach bis zu ihrer Pensionierung als Prokuristin.

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