Marianne Herrmann – fasziniert von schönen Stoffen und Kleidern

Schöne Röcke hat Marianne Herrmann-Weber schon als Kind gerne getragen. Als Jugendliche wurde sie vom Pavillon «Kleider machen Leute» an der Schweizerischen Landesausstellung 1939 magisch angezogen. Ihr Berufswunsch lag auf der Hand: «Ich möchte gerne Schneiderin werden».

Aus dem Fotoalbum von Marianne Herrmann

Lange bevor Marianne Herrmann die Lehre als Damenschneiderin in Angriff nimmt, zeigt sich bei ihr das Interesse an schönen Kleidern. Schon als Erstklässlerin verpasst sie prominenten Persönlichkeiten spielerisch ein neues Aussehen. «Meine Freundin und ich schnitten aus Heften die Bilder von berühmten Personen sowie einzelne Kleidungsstücke aus. Damit haben wir die Papier-Menschen neu eingekleidet.»

«  Der Pavillon ‹Kleider machen Leute› an der Landesausstellung hat mein Leben stark beeinflusst. »

Marianne Herrmann

Der Wunsch Damenschneiderin zu werden, wurde durch die Landi 1939 genährt. An die Schweizerische Landesausstellung kann sich Marianne Herrmann noch gut erinnern.

«Meine Grossmutter betrieb am Zürichsee eine Schiffsvermietung. Mein Onkel fuhr die Passagiere vom einen zum andern Ufer. Dadurch bekam ich von der Landi viel zu sehen.» Vor allem den Pavillon «Kleider machen Leute» habe sie oft besucht, um sich die schönen Stoffe und Kleider anzusehen.

Die Berufslehre absolviert Marianne Herrmann bei «Seiden Grieder», dem Zürcher Modehaus für edle Tuche und Seidenstoffe. «Ich hatte zwei ganz tolle Lehrmeisterinnen, die haben mir jeden Trick beigebracht», sagt sie rückblickend. Davon habe sie vor allem an der Lehrabschluss-Prüfung profitiert.

Mit einem Restposten zur Abschlussprüfung

Es war der Zweite Weltkrieg, ihr Vater leistete Aktivdienst, das Haushaltsgeld war knapp. Die Mutter musste mit dem bisschen Wehrmänner-Unterstützung haushalten. Zur Prüfung kann Marianne Herrmann nur einen Stoffresten mitnehmen. Für das ausgewählte Prüfungsmodell ist der Stoff äusserst knapp bemessen. «Dank der ausgezeichneten Ausbildung durch meine Lehrmeisterinnen schaffte ich es aber, das Modell mit sehr knappen Nähten fertigzustellen. Dafür erhielt ich schliesslich die Bestnote.»

Künstlertreff Kruggasse

Die künstlerische Prägung verdankt Marianne Herrmann wohl auch der Tatsache, dass ihre Eltern in Zürich ein Wirtshaus betrieben.

Im «Appenzeller-Stübli» an der Kruggasse gingen viele Künstler ein und aus: Maler, Bildhauer oder Schauspieler, unter anderem Zarli Carigiet.

«Trink Brüderlein, trink» habe sie ab und zu für die Gäste gesungen. «Ich habe immer viel gesungen, früher als Kind beim Abwasch, später gemeinsam mit den vier eigenen Kindern und dann 36 Jahre lang als Sopranistin im Kirchenchor.»

Die Hände ruhen lassen

Ihren Beruf übt Marianne Herrmann dann hauptsächlich privat aus. Sie heiratet mit 21 Jahren, schenkt vier Kindern das Leben und widmet sich fortan Haus und Familie. Doch mit Stoffen, Schere, Nadel und Faden hantiert sie weiterhin. Sie näht Kleider für ihre Schwester, ihre Nichte, ihre Kinder oder für fremde Leute.

«Jetzt habe ich meine Hände in den Schoss gelegt», meint die 89-Jährige zufrieden. «Ich bin im Altersheim und kann meinen Lebensabend geniessen.» Das Alterszentrum Martinspark in Baar bezeichnet sie als feines Haus. «Ich kann es jedem nur empfehlen.»

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