Ruth Marti-Bühler schlich sich zum Tanz

Mit 17 will man auch mal seinen Spass haben – vor allem, wenn man, wie Ruth Marti-Bühler, tagein tagaus in der elterlichen Bäckerei mit Restaurant mit anpacken muss. Aber was machen, wenn nur den Brüdern gestattet wird zum Tanz zu gehen? Ausbüxen natürlich – und hoffen, nicht erwischt zu werden.

«Und Du gehst mir nicht mit!» waren die harschen Worte des Vaters, als Ruth Marti-Bühler darum bat, doch auch mit zum Tanz gehen zu dürfen. An diesem Befehl gab es dann auch nichts zu rütteln. Es blieb Ruth nichts anderes übrig, als mit zwei ihrer Brüder in einer Nacht- und Nebelaktion davonzuschleichen. Als das Trio zurückkehrte, schickten sie zuerst den einen Bruder ins Haus. Tatsächlich wartete dort bereits der Vater hinter der Tür. Flugs hievte der andere Bruder seine Schwester übers offene Fenster in ihr Zimmer, wo sich Ruth sogleich ins Bett legte. So gelang es, den Vater zu übertölpeln.

Diese Episode aus ihren Leben bringt Ruth Marti noch immer zum Schmunzeln. Anders ergeht es ihr, wenn sie an jenen Tag denkt, an dem Stein am Rhein bombardiert wurde.

Von der Druckwelle der Bomben erfasst

Sie wuchs in Wagenhausen bei Stein am Rhein auf und war an jenem Tag damit beauftragt Brot auszuliefern.

Auf dem Rückweg überquerte sie die Steiner Brücke und wurde von einem Passanten ermahnt sich in Sicherheit zu bringen. Kurz darauf fielen dann schon die Bomben. Sie wurde von einer Druckwelle erfasst und weggeschleudert.

Soldaten fanden das verängstigte Mädchen später und brachten es wieder nach Hause zu den besorgten Eltern.

Kein Geld für die Ausbildung

Wie es bei dieser Generation so oft der Fall war, durfte Ruth als Mädchen keinen Beruf erlernen. Ihre Brüder hatten Vorrang und für sie selber fehlte dann einfach das Geld. Sie unternahm allerdings ein Haushaltsjahr in Horgen ZH, später in der Romandie und in Basel.

Dort arbeitete sie als Kellnerin im Café Opéra, wo sie schliesslich ihren Mann kennenlernte. Dieser war Lokomotivführer und zog mit ihr daraufhin nach Glarus. Hier verbringt die mittlerweile 87-Jährige im Alterszentrum Bergli ihren Lebensabend.

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.

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