«Trotz Rollstuhl habe ich ein wertvolles Leben gehabt»

Ein Stuhl mit angeschraubten Rädern war Dora Altermatts erster Rollstuhl. Die Marke Eigenprodukt schenkte ihr als Mädchen ein wenig Mobilität. Später rollte sie auf einem richtigen Rollstuhl durchs Leben. Aller Einschränkungen zum Trotz, blieb die heute 75-Jährige tatenfroh und unternehmungslustig.

«Als ich zur Welt kam, war ich ein normales ‹Buschi›, doch als ich meine ersten Schritte machen wollte, bin ich immer wieder eingeknickt», erzählt die 75-jährige Dora Altermatt. Das komme schon noch, man müsse nur etwas Geduld haben, meinte damals ein Arzt. Mit seiner Prognose lag er leider falsch.

Einschränkung führt zu kreativen Ideen

Weshalb die Beine Dora Altermatt nicht tragen wollten, blieb den Ärzten ein Rätsel. Doch die 75-Jährige und ihre Umgebung gingen kreativ mit dieser Schwäche um. «Wir hatten ein Fahrrad mit drei Rädern. Damit bin ich überall hin gefahren, und ich habe es immer wieder neu angestrichen.» In die Schule wurde sie von ihrer Mutter gefahren – ebenfalls auf einem Fahrrad.

Zu den schönsten Kindheitserinnerungen von Dora Altermatt gehört ein Schulausflug nach Flüeli-Ranft. «Wie soll das denn gehen», hat sie sich damals gefragt. «Doch dann kam jemand auf die Idee, einen Leiterwagen zu borgen. Darin wurde ich hin- und herchauffiert.»

Eine «komische» Zeit

Als 14-Jährige erlebt Dora Altermatt eine «komische» Zeit. Nach dem Tod ihrer Mutter wird sie hin und her «gschüpft». «Einmal war ich bei einer Tante, dann bei einer Gotte. Ich hatte einfach kein Zuhause mehr.» Mit dem selbst gebastelten Rollstuhl kommt sie nicht weit. Meistens bleibt sie in der Wohnung und rutscht auf einem Taburett hin und her. Schliesslich landet sie in der «Milchsuppe», einer sozialmedizinische Abteilung zur Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen.

Nächste Station im Leben von Dora Altermatt ist ein Heim der Katharina-Schwestern. Eines Tages realisiert sie, dass dies ein Heim für schwer erziehbare Mädchen ist. Das setzt ihr zu. In ihr wächst der Wunsch nach Selbständigkeit. Der erste Schritt in diese Richtung ist eine eigene kleine Ein-Zimmer-Wohnung. Ihren Lebensunterhalt verdient sich die junge Frau mit Schürzennähen. «Mit den Beinen konnte ich die Nähmaschine nicht bedienen, dafür mit den Ellbogen.»

«  Mein Mann und ich waren richtige ‹Reisefüdli›. »

Dora Altermatt

Doch mit der Zeit wird diese Arbeit für Dora Altermatt zu langweilig. Sie wünscht sich mehr Verantwortung. Dieser Wunsch lässt sie beruflich ein Leben lang weiterstreben. Sie lernt Schreibmaschine schreiben und besucht einen Kurs für Büroarbeit. Später bildet sie sich zur Buchhalterin weiter. Schliesslich engagiert sie sich in der Ortsgruppe beider Basel der Schweizerischen Vereinigung der Gelähmten. Heute ist sie deren Ehrenpräsidentin.

Abenteuer Venedig

1:19 min, aus Sinerzyt vom 12.09.2016

Abenteuer trotz Rollstuhl

Mit 40 Jahren packt Dora Altermatt die Reiselust. «Ich hatte auf meinen 40. Geburtstag hin gespart und bin dann mit einer Hauspflegerin für zwei Wochen in die Karibik gereist.» Auch mit ihrem zweiten Mann unternimmt sie viele Reisen. «Wir waren richtige ‹Reisefüdli›», meint sie strahlend. «Wir haben zusammen viele Abenteuer erlebt.»

Doch dann wird Dora Altermatts Krankheit schlimmer. Zehn Jahre lang übernimmt ihr Mann die Pflege, bis auch er auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Vor fünf Jahren ist das Ehepaar ins Basler Alters- und Pflegheim Gundeldingen gezogen. Im Februar dieses Jahres musste die 75-Jährige von ihrem «tollen» Mann für immer Abschied nehmen.

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.

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