«Eine Frau zog ihr Kind von mir weg. Wegen den Tattoos.»

Lengnau AG: ein idyllisches, kleines Dorf. Man sagt sich «Grüezi» auf der Strasse. Manchmal stinkt es nach Gülle. Ein paar ganz wilde Jugendliche paffen heimlich hinter dem Schulhaus eine Zigi. Mittendrin: Ivan, 43-jährig und voll tätowiert. Er befreite die Einwohner von den Tattoo-Vorurteilen.

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Bildlegende: Hinten: bunter Hund. Vorne: Hund. Ivan mit seinem Jesse. SRF

Ivan ist der Tattoo-Pionier im Dorf

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Keine 08/15 Menschen. Keine 08/15 Tätowierungen. Bettina Bestgen sucht & portraitiert sie.

In einer Grossstadt, wie beispielsweise Zürich, gehörst du schon fast zur Minderheit, wenn du kein gestochenes Bild auf deiner Haut trägst. In Lengnau AG ist das aber noch anders, da tanzt Ivan mit seinen vielen Tätowierungen aus der Reihe. Sein erstes Tattoo hat er mit 20 Jahren gemacht, mittlerweile kann er gar nicht mehr zählen, wie viele er hat. Von Kopf bis Fuss trägt er den Körperschmuck.

«  Ich konnte vor allem älteren Leuten im Dorf die Angst vor tätowierten Menschen nehmen. Ich konnte Brücken schlagen zwischen Jung und Alt.  »

Ivan: «Ich bin mit allem, was dazu gehört in Lengnau AG verwurzelt: Ich war im Dorfverein, habe den Jugendlichen Hip-Hop unterrichtet, war immer ein bisschen anders, als die anderen. Dann fing das mit den Tätowierungen an. Einmal zog eine Mutter ihre Tochter von mir weg. Dies nur aufgrund meiner Tattoos. Aber ich blieb ja derselbe wie vorher. Ich wurde einfach ein bisschen farbiger. Ich war immer noch der nette, hilfsbereite Kerli.

Ivan - der Tattoo-Pionier Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Noch ohne Sonnenbrille. SRF

Weiterhin engagierte ich mich in Lengnau und plauderte mit den Grosis im Volg. Die Jungen, welche auch Tätowierungen wollten, haben angefangen zu sagen: «Ivan hat auch Tattoos, hat einen guten Job, macht viel für das Dorf, also kann er nicht so lätz sein. Der Mensch ändert sich nicht wegen seiner Tätowierungen, das haben die Einwohner realisiert.»

Das Rückentattoo für den verstorbenen Grossvater

Eine Tätowierung bedeutet Ivan besonders viel. Sie befindet sich auf dem Rücken. «Der Buddha soll meinen verstorbenen Grossvater Siegfried darstellen. Oberhalb davon sind noch die chinesischen Zeichen für Siegfried, so hiess er. Er ist im Jahr 2000 gestorben. Ich wusste von Anfang an, dass ich ihn wieder bei mir haben möchte. So ist es zu dieser Tätowierung gekommen. Der Buddha beschützt und begleitet mich auf meinem Lebensweg.»

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Ein Tattoo auf dem «Füdli». Wieso das?

«Ich finde es einen schönen Ort für eine Tätowierung. Auf der einen Backe hatte ich bereits ein Maori-Tattoo und die andere war noch frei. Schon immer wollte ich einen Mexican Skull (siehe Bild unten) haben, aber nicht weil der mir am Arsch vorbeigeht. Ich finde es einfach schnieke da. Und ich glaube, meine Freundin findet es auch ganz okay. Ob es mehr weh tut sich am Füdli tätowieren zu lassen als an anderen Stellen? Ja, tut es.»

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Wieso ich weiss, dass Ivan mir keinen Käse erzählt?

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«Die heutigen Tätowierer sind arrogante Gockel», sagt Zürcher Urgestein Rock Gitano. Die Geschichte gibt es hier.

Ganz einfach: Ich bin im gleichen Dorf aufgewachsen und war genau so eine Jugendliche, welche beim Mami nach einer Tätowierung stürmte. Kopfschütteln. «Ja, aber... de Ivan...» Was dann kam, weisst du von oben. Eine Einschränkung gab es: Warten bis ich volljährig war. Das wurde von meiner Mutter UND von Ivan so bestimmt. Plus: Er ist mitgekommen bei der ersten Tätowierung. Um sicherzugehen, dass ich nicht zu irgendeinem Halunggen gehe, der mir dann mit schlechten Nadeln einen Schmarren sticht.

So ist er eben, der Ivan. Der nette und stets hilfsbereite Kerli. Mit Tattoos.