Geht die Welt gerade unter oder reden wir uns das nur ein?

Tagtäglich werden wir mit Nachrichten über Terroranschläge überschwemmt. Man könnte meinen, unsere Welt geht unter. Nur: Sind diese Sorgen berechtigt? Geht die Welt wirklich unter? Müssen wir Angst haben? Ein Soziologe betrachtet die Lage aus Sicht der Schweizer Bevölkerung.

Kerzen und Blumen nach dem Amok in München Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Trauer nach dem Anschlag in Nizza. Keystone

Gerät die Welt gerade aus den Fugen?

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Franz Schultheis

Franz Schultheis

Prof. Dr. Franz Schultheis ist Professor an der Universität St. Gallen und Leiter des Seminars für Soziologie.

Prof. Dr. Franz Schultheis gibt Entwarnung. Der Leiter des Seminars für Soziologie an der Universität St. Gallen erinnert daran, dass die Schweiz von den Ereignissen bislang kaum betroffen war: «Hier kann man sich noch immer in einem relativ gesicherten Rahmen bewegen.»

Die Schweizer Bevölkerung verfolgt die vielen Anschläge aber dennoch mit grosser Sorge:

«  Wir haben das Gefühl, dass die Ordnung, an die man sich in der Nachkriegszeit gewöhnt hat, gerade zerbröckelt. »

Und genau dieses Empfinden erweckt in uns momentan den Eindruck, eine einheitliche Form des kollektiven Wahnsinns zu erkennen: «Viele führen all diese Taten auf ein und dieselbe Wurzel zurück», meint Schultheis besorgt.

Wenn in Japan jemand aufgrund seines Hasses auf Behinderte mordet, dann ist dies eine komplett andere Form von Gewaltanwendung als die Priesterenthauptung in Frankreich: «Da wurde eine religiöse Institution und ihr Würdenträger angegriffen. Als Symbolfigur für ein feindliches Bild.»

Die Nähe der Anschläge beunruhigt

Dass solche Taten geografisch immer näher rücken, sei einer der Hauptgründe für die aktuelle Besorgnislage in der Schweiz.

Wird ein Anschlag in einem für uns fernen Land wie dem Irak, im Iran oder Afghanistan verübt, erhält er bei uns nur geringe Beachtung. Schultheis mutmasst, dass man sich hierzulande an Anschläge in diesen Ländern mittlerweile einfach «gewöhnt» hat.

«  Je grösser die Distanz, desto weniger scheint es uns zu berühren. »

Die Terroranschläge in Frankreich und Deutschland haben das Blatt jetzt aber gewendet. «Das Gefühl, es kann überall eintreffen, ist relativ neu», glaubt Schultheis. Und dass es unter den Opfern viele Kinder und Jugendliche gab, wird von der Gesellschaft als zusätzlich «schlimm» eingestuft.

Auch die Ziele der Anschläge beunruhigen

Auch in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Anschläge in unserem näheren Umfeld. Man erinnere sich an die Terrorwelle der deutschen «RAF». Trotzdem haben die jüngsten Anschläge etwas grundlegendes verändert: «Die früheren Anschläge waren zu einem guten Teil politisch orientiert.»

«  Jetzt hat man das Gefühl, der Terror ist blinder geworden. »

«Das heisst, dass die gesamte Öffentlichkeit an allen öffentlichen Orten, sei es in einem Kaufhaus oder im Kaffee, von einem solchen Anschlag betroffen sein könnte», so Schultheis.