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Theater-Review Wenn Dragqueen, Transmann und Latino-Kanake aufeinandertreffen

Gewaltverbrechen gegen queere Personen sind auch in der Schweiz traurige Realität. Dominik Locher hat mit Drag-Performer Milky Diamond, «LGBTIQ+»-Aktivist Meloe Gennai und Schauspieler José Barros das Theaterstück «HATE» dazu entwickelt. Das Kurzfazit: Berührend, aufwühlend, aber nicht ohne Glamour.

Hate
Legende: Die Protagonisten von HATE von links: KETAMIN KARDASHIAN (Milky Diamond), HARDA BRUDA (José Barros) und PRINCEOFCOLOUR Meloe Gennai Hengst und Hitzkopf

«HATE»: eine queer-core Lovestory

«In Drag bin ich die schönste, liebenswürdigste Version meiner selbst», sagt Dragqueen KETAMIN KARDASHIAN innbrünstig nach ihrem pompösen Lipsinc-Auftritt zu Beginn des Stücks.

Dass hinter den Kulissen der schillernden Drag-Persona auch viel Schmerz und Leid verborgen liegt, wird uns schnell klar. Offenherzig erzählt sie, wie sie in ihrem Leben immer wieder Opfer brutaler homophober Gewalt wurde. Ihr Freund, PRINCEOFCOLOUR, der transgender ist, will sie unterstützen, wird von ihr aber immer wieder mit Kälte zurückgewiesen.

Als Transmann mit afrikanischen Wurzeln kämpft PRINCE im Alltag ausserdem nicht nur mit homophober, sondern auch noch mit rassistisch motivierter Gewalt.

Und dann wäre da noch HADA BRUDA, der Türsteher des Clubs, in dem KETAMIN wöchentlich auftritt. Stolz posaunt er anfangs seine Gräueltaten gegen Schwule und seine homophoben Ansichten heraus – bis wir merken: Auch er hat homosexuelle Neigungen.

hate
Legende: I'm fabulous! Auf der Bühne kann Milky Diamond aka KETAMIN KARDASHIAN sich selber sein. Hengst&Hitzkopf

Ein Stück von und mit den Performern

Als vor zwei Jahren ein Freund von Film- und Theaterregisseur Dominik Locher («GOLIATH») auf freier Strasse attackiert und schwer verletzt wird, merkt er, dass er viel von der Lebensrealität queerer Menschen durch seine «Hetero-Brille», wie er sagt, nicht wahrgenommen habe.

Er nahm das erschütternde Erlebnis als Anlass, sich mit der Thematik von Gewalt gegen Mitglieder der «LGBTIQ+»-Community auf eine künstlerische Art und Weise auseinanderzusetzen.

Locher suchte den Kontakt zu queeren Personen und führte Interviews, die zur Basis des Stücks «HATE» wurden.

Ich hatte oft Gänsehaut in den Proben, als ich realisierte, was queere Menschen tagtäglich durchleben müssen
Autor: Dominik LocherRegisseur

Um das Ganze für die Bühne zu inszenieren, holte er drei Darsteller mit ins Boot. Für die Rolle der Drag Queen KETAMIN KARDASHIAN stand Nightlife-Personality und Drag-Performer Milky Diamond (auch bekannt aus dem Crimer Video «Brotherlove», Link öffnet in einem neuen Fenster) von Anfang an fest. Auch er wurde als homosexueller Mann schon früh mit Hass konfrontiert.

Als ich mit 15 Jahren auf offener Strasse bespuckt und beleidigt wurde, habe ich zum ersten Mal gemerkt: Es gibt eine grosse Gruppe in der Gesellschaft, die mich nicht mag.
Autor: Milky DiamondDrag-Performer

Um ähnlichen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, würde Milky in der Öffentlichkeit nie in Drag raus, wie er uns verrät.

Ich möchte nicht riskieren, dass mein Leben durch einen kurzen Moment zerstört werden könnte.
Autor: Milky DiamondDrag-Performer

Im Zuge der Recherchen lernte Locher den Genfer Slam-Poet Meloe Gennai kennen, ein Transmann, der sich für die Rechte von «LGBTIQ+»-Menschen und people of colour einsetzt.

Der Dritte im Bund ist Schauspieler José Barros. Aufgewachsen in Billstedt, einem sozialen Brennpunkt vor Hamburg, wurde der selbsternannte «LatinoKanakenHanseat» in einem homophoben Umfeld sozialisiert. Er befreite sich erst spät von der Meinung, dass Homosexualität etwas Krankhaftes sei.

HATE
Legende: Fiktion vermischt sich mit Persönlichem Der Genfer «LGBTIQ+»-Aktivist und Slam Poet Meloe Gennai (PRINCEOFCOLOUR im Stück) erzählt offen und ehrlich über seine Transition zum Mann. Hengst&Hitzkopf

Schonungsloses «In Your Face»-Theater

Das ungewöhnliche Trio führt uns in «HATE» durch einen fulminanten, aber auch verstörenden, aufwühlenden Abend, der sich nicht vor expliziten Gewaltdarstellungen scheut.

So gelungen Regisseur Locher inhaltlich das Verfliessen zwischen traditionellen Geschlechterrollen thematisiert, vermischt er auch unterschiedliche Darstellungsformen. «HATE» ist eine eindrückliche Mischung aus Theater, Performance und Storytelling. Die persönlichen Geschichten, die von den Darstellern mit einer berührenden Offenheit erzählt werden, vermischen sich mit der Liebesgeschichte zwischen PRINCE und KETAMIN, die sich auf ein dramatisches Ende zuspitzt.

So verschwimmen in «HATE» Realität und Fiktion und machen die Message des Stücks mehr als deutlich: es passiert hier, es passiert noch immer und es muss sich noch vieles ändern.

Vorstellungen

Vorstellungen

Freitag 11. Mai, 20:00 Uhr
Samstag 12. Mai, 20:00 Uhr
Sonntag 13. Mai, 18:00 Uhr
Dienstag 15. Mai, 20:00 Uhr
Donnerstag 17. Mai, 20:00 Uhr
Freitag 18. Mai, 20:00 Uhr
Samstag 19. Mai, 20:00 Uhr

Im Fabriktheater der Roten Fabrik, Link öffnet in einem neuen Fenster, Seestrasse 395 Zürich

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