Tommy Tallarico: «Heute würde Beethoven Game-Musik komponieren»

Steht in einem Videospiel eine Schiesserei an, hörst du das zuerst an der Musik. Wenn es Zeit ist, Angst zu haben, wird dir das ebenfalls durch die Game-Musik signalisiert. Wir haben Tommy Tallarico, einen der ersten und heute wichtigsten Game-Komponisten, zum Interview getroffen.

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Tommy Tallarico

Tommy Tallarico

Als 10-Jähriger hat er Videospiele in der Arcade-Halle aufgenommen, um ihnen dann zuhause mit seiner Gitarre neues Leben einzuhauchen. Später hat er sich den Job des Videospiel-Komponisten selbst auf den Leib geschneidert und so in über 22 Jahren an mehr als 300 Games mitgearbeitet.

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«Video Games Live»

Tommy hat die Konzertreihe «Video Games Live» mit seinem Freund Jack Wall ins Leben gerufen. Dabei spielen sie mit einem Live-Orchester die Soundtracks zu diversen Videospielen. Seit über zehn Jahren touren sie damit erfolgreich um die Welt und haben dabei schon den einen oder anderen Weltrekord aufgestellt.

Als Videospiele in den 70ern zu ihrem Siegeszug antraten, waren sie sowohl grafisch als auch musikalisch noch sehr einfach gestrickt. So konnte man damals eigentlich noch gar nicht von Musik sprechen, sondern mehr von einem synthetischen Gepiepse - das einem ziemlich schnell auf die Nerven ging.

Das hat Spieler weltweit geärgert, so auch Tommy Tallarico. Ein junger Videospiel-Fan, der mit mehr Glück als Verstand zu einem Job als Videospiel-Tester kam. Als solcher hat er immer wieder die Programmierer dazu angetrieben, neue Wege zu erschaffen, um richtige Musik in Videospiele zu bringen. Dank Tommy denkten diese um und entwickelten die Technik so weit, dass 1993 «The Terminator» das erste Game war, bei dem eine E-Gitarre zu hören war.

Ein richtig guter Soundtrack

Mittlerweile sind wir weit weggekommen von einer einzelnen Gitarre. Ganze Orchester werden aufgeboten, ähnlich wie bei der Filmmusik. Ein richtig guter Soundtrack zeichnet sich jedoch nicht durch eine grosse Instrumentalisierung aus, sondern viel mehr durch eine eingängige Titelmelodie. So sind auch viele der besten Soundtracks überhaupt in einer Zeit entstanden, in der man technisch noch ganz am Anfang stand («Tetris», «Mario», «Castlevania»).

Einfach und doch hoch komplex

Im 21. Jahrhundert gibt es technisch keine Grenzen mehr. So ist Videospielmusik technisch gesehen hoch komplex. Während Filmmusik zum Beispiel immer gleich bleibt, egal wie oft du dir den Film ansiehst, wechselt Videospielmusik je nach dem, was du im Spiel unternimmst.

Das funktioniert, indem man von einem Song immer viele Versionen aufnimmt (schneller, satter, lauter, leiser etc). Theoretisch laufen, während du spielst, alle aufgenommen Songs gleichzeitig - praktisch werden aber nur einzelne Tonspuren auf laut geschaltet. Der Rest läuft stumm im Hintergrund. Und sobald du im Spiel ein bestimmtes Ereignis ausgelöst, aktivierst du weitere Teile der Musik. Dies ist auch für Komponisten reizvoll, weshalb sich Tommy Tallarico sicher ist: Lebte Beethoven heute noch, würde er auch Game-Musik komponieren.

Und warum ist das so wichtig?

Die Musik in Videospielen ist so wichtig, weil sie so zentral ist. Während Filmmusik lediglich Hintergrundmusik ist, über die ständig jemand redet, steht Videospielmusik ständig im Vordergrund.

Wenn ein grosser Kampf anstehst, dann hörst du das zuerst an der Musik. Wenn es Zeit ist, Angst zu haben, wird dir das ebenfalls durch die Game-Musik signalisiert. Die Musik transportiert das Gefühl, mehr noch: Sie treibt dich regelrecht an. Sie wird also zu deinem ganz persönlichen Soundtrack - und der bleibt noch Stunden oder Tage in deinen Ohren.

Video: Adrian Spring