Wenn Alkohol mehr als nur Genuss ist

In der Schweiz trinken laut Bundesamt für Statistik 89% der Männer und 78% der Frauen Alkohol. 17% der Männer und 9% der Frauen konsumieren täglich Alkohol. Doch wann ist von einer Sucht die Rede? Und wie können Betroffene und Angehörige reagieren? Wir haben mit einem Experten gesprochen.

Betrunkener Mann auf Strasse Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wenn Alkohol zum Problem wird Colourbox

Bei jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren sind es 3.2% die täglich trinken, bei den 25- bis 34-Jährigen schon 4.8% (alle Werte aus der letzten Erhebung 2012). In der Schweiz leiden schätzungsweise 250'000 Personen an einer Alkoholsucht.

Doch nicht jeder/jede, der/die täglich trinkt, hat bereits ein Problem mit Alkohol. Laut WHO müssen folgende Punkte erfüllt sein, damit man von einer Sucht sprechen kann:

  • Ein starker Wunsch, Alkohol einzunehmen
  • Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren
  • Anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlichen Folgen
  • Dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben
  • Entwicklung einer Toleranzerhöhung
  • Körperliches Entzugssyndrom

Doch was tun, wenn aus dem Genuss wirklich eine Sucht wird? Ab wann wird der Alkohol zum Problem? Und was soll ich tun, wenn ich bei jemanden das Gefühl habe, er/sie trinkt (viel) zu viel? Wir haben mit Martin Schwitter, Suchtexperte, gesprochen.

Was tun wenn ich selbst ein Problem habe?

Ab wann habe ich ein Problem?

  • Es gibt nicht DIE Menge, ab der man süchtig ist. Das ist sehr individuell.
  • Wenn man regelmässig über die Grenzen hinaus trinkt.
  • Wenn man gegenüber Freunden/Familie nicht mehr gleich ist.
  • Wenn man aggressiv wird gegenüber den Liebsten.
  • Wenn die Zuverlässigkeit leidet (Unpünktlichkeit etc.).
  • Wenn man viel alleine Zuhause trinkt.
  • Wenn man nicht mehr in den Ausgang kann ohne zu trinken und das Gefühl hat, ohne Alkohol sei man nicht lustig.
  • Wenn man das Gefühl hat, man kann nicht mehr ohne Alkohol leben.

Wie kann ich mir selbst helfen?

  • Wenn die obigen Punkte zutreffen, sollte man sich Hilfe holen.
  • Freunde sollten nicht Anlaufstelle für Hilfe sein.
  • Hilfe gibt's bei diversen externen Anlaufstellen (Blaues Kreuz, Suchthilfen, etc. Die gibt's in der ganzen Schweiz).
  • Jeder kann in die Sucht abrutschen, psychische Probleme müssen nicht der Auslöser sein (Gruppenzwang kann genauso dazu führen).
  • Bei psychischen Auslösern ist eine Psychotherapie zu empfehlen.
  • Wichtig: Lieber immer wieder kleine Ziele setzen (denn mit dem Erfolg nimmt auch die Motivation zu).

Was tun, wenn jemand aus meinem Umfeld ein Problem hat?

Wie erkenne ich die Sucht?

  • Meistens erkennt man das Problem erst, wenn es schon wirklich eine Sucht ist.
  • Es gibt aber Tendenzen: siehe Punkte oben («Ab wann habe ich ein Problem?»).

Wie spreche ich den Betroffenen / die Betroffene an?

  • Wichtig: Man soll authentisch bleiben und ehrlich mit der Person sein.
  • Es bringt's nicht, zu sagen: «Du hast ein Problem, du brauchst eine Therapie». Denn niemand kann die betroffene Person zwingen, resp. muss die Person zuerst selbst einsehen, dass sie Hilfe braucht.

Wie gehe ich damit um?

  • Der Person bewusst machen, dass man trotz Wissen um die Sucht hinter der Person steht.
  • Wenn man angelogen wird und das Gefühl hat, die betroffene Person belügt auch sich selbst, sollte man immer daran denken, dass das die Krankheit ist, die durch den Menschen spricht. Man darf es nicht persönlich nehmen.
  • Ehrlich sein mit der Person. Man darf auch sagen, wenn einen etwas stört. Trotzdem sollte man nicht aufgeben und weiterhin Zeit mit der betroffenen Person verbringen.

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