Boreout: Wenn Langeweile krank macht

Stress am Arbeitsplatz gehört heute fast schon zum guten Ton. Wer nicht gestresst ist, ist scheinbar nicht wichtig. Was jedoch viele nicht wissen: Auch Langeweile im Job kann krank machen. Doch was hilft, wenn man unterfordert ist? Wenn dich das, was du täglich tust, nicht wirklich interessiert?

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Bildlegende: Langeweile am Arbeitsplatz: Oft fehlt Boreout-Betroffenen ein Ansprechpartner. Alekksall / Freepik.com

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Kompass

Nadine Nikkles und Ranja Kamal

In der Sendung «Kompass» beantworten Ranja Kamal und Nadine Nikles die grossen und kleinen Fragen rund um Job, Ausbildung und sonstige Lebensfragen.

Das Thema Stress dominiert viele Feierabendgespräche. Wenn man aber genauer hinhört, stellt sich plötzlich heraus, dass viele Arbeitnehmer weit davon entfernt sind, gestresst zu sein. Im Gegenteil. Sie sind unterfordert, desinteressiert und vor allem einfach eines: Extrem gelangweilt! Keine Spur von Freude, Herausforderung oder Interesse an dem, was sie täglich tun. «Boreout» - das ist der kleine Bruder vom viel zitierten Burnout. Doch im Gegensatz zur Überforderung wird über Unterforderung und Langeweile im Arbeitsalltag nur wenig gesprochen. Auch in der medizinischen Fachliteratur wird der Begriff nicht erwähnt. Denn «Boreout» sei keine medizinische Diagnose, erklärt Andi Zemp, leitender Psychologe und Leiter des Kompetenzbereichs «Burnout und Stressfolgestörungen» der Klinik Wyss in Münchenbuchsee (BE). Das Thema ist wissenschaftlich noch nicht sehr erforscht, weshalb es auch keine Zahlen gibt. Und trotzdem. Die Zahl der psychisch bedingten Arbeitsunfälle wie «Boreout» nehmen zu.

Gründe für die Unterforderung

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Bildlegende: lic. phil. Andi Zemp ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP. SRF

Gründe dafür gibt es verschiedene, erklärt Andi Zemp: «Einerseits kann es daran liegen, dass die zu erledigenden Arbeiten monoton, anspruchslos oder eben einseitig sind oder weil es mengenmässig einfach zu wenig zu tun gibt. Andererseits beobachte ich aber auch gerade bei jungen Menschen das Phänomen, dass einige erst nach Abschluss ihrer Ausbildung merken, dass ihnen das, was sie interessiert hat, in der Praxis nicht gefällt. Das frustriert und kann zu Unterforderung, Desinteresse und Langeweile führen». Besonders betroffen sind Menschen in Verwaltungs-Jobs, unter Selbständigen trifft man dieses Syndrom praktisch nicht da diese laufend ihre eigenen Visionen und Ideen umsetzen können und dadurch ständig herausgefordert werden.

Hauptsache, niemand merkt etwas

Kompass: Boreout

9:59 min, aus Junge Popkultur, urbanes Leben vom 08.05.2017

Langeweile, Desinteresse und Unterfoderung alleine sind laut Zemp aber noch nicht die ausschlaggebenden Faktoren für ein «Boreout». Entscheidend ist, dass Betroffene ihre ganze Energie dafür aufwenden, ihre Langeweile, ihr Desinteresse sowie ihre Unterbeschäftigung zu verstecken. So versuchen sie stets beschäftigt zu wirken, berichten Kollegen von einem Berg an Aufgaben, hetzen durch die Gänge, starren auf den Bildschirm, obwohl sie vielleicht gerade damit beschäftigt sind, private E-Mails zu schreiben, Ferien zu buchen oder ihre Timeline auf Facebook im Minutentakt zu refreshen. Oft schieben Betroffene auch Überstunden - nur um ihr Nichtstun zu kaschieren. Das macht müde, ineffizient und antriebslos. Wer jetzt aber denkt, Boreout-Betroffene sind einfach nur faul, liegt weit daneben. Denn wer zu lange in einer solchen Dynamik verarren muss, wird krank, erklärt Andi Zemp:

«  Obwohl Boreout-Patienten keinen Stress haben, weisen sie nach einer gewissen Zeit oft ähnliche Symptome wie Burnout-Betroffene auf. »

Andi Zemp
Fachpsychologe

«Sie haben Mühe am Morgen aus dem Bett zu kommen, leiden unter Gedächnisverlust, Schlaf- und Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Kopf- und Magenschmerzen, Schwindelgefühl bishin zur Depression. Dann kommt dazu, dass sie sich nur schwer eingestehen können, dass diese Erschöpfung durch Langeweile ausgelöst wurde. Denn Betroffene wollen eigentlich arbeiten und Leistung zeigen, doch wenn sie bereits in der Boreout-Spirale sind, wird es schwierig, ohne einen Push von Aussen wieder aus rauszukommen.»

Gibt es einen Ausweg?

Zemp rät Betroffenen deshalb, sich eine Auszeit zu nehmen und mittels einem Coaching oder einer Psychotherapie Hilfe zu holen. Dort können dann die weiteren Schritte angeschaut und Entspannungs- sowie Stressmanagementtechniken erlernt werden.

Erich Züger Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nach seinem Boreout gründete Erich Züger das Fitnesscenter «Balboa» in Zürich. Erich Züger

Vor einem Bildschirm sitzen, beschäftigt wirken und die Zeit totschlagen – so sah auch Erich Zügers Arbeitsalltag einmal aus. Das fehlende Interesse an seiner Tätigkeit, die geringe Anerkennung und der Wechsel von Arbeitskollegen, die er sehr mochte, brachten den ehemaligen Banker um seine Motivation: «Ich konnte mich nie wirklich mit dem Beruf als Banker identifizieren und habe mir meine Jobs deshalb auch oft nur aufgrund zukünftiger Arbeitskollegen ausgesucht. Die Tätigkeit war nebensächlich.» Zudem hat er stets nach einem tieferen Sinn gesucht, diesen in der Finanzbranche aber leider nicht gefunden.

«  Das hat mich schliesslich in eine Situation geführt, in welcher ich mich nicht mehr wohl fühlte und das Gefühl hatte, ich sei zwar unterfordert, aber trotzdem immer im Stress. »

Erich Züger
ehemaliger Boreout-Betroffener

An seiner Situation ändern, konnte Züger aber trotzdem lange nichts: «Du traust dich nicht. Du traust deinem Arbeitgeber nicht. Was passiert mit der Information, dass du dich nicht wohl fühlst?» Solche Zweifel sind typisch für das «Boreout-Syndrom» meint Zemp.

Wie Erich Züger aus dem «Boreout» wieder herausgekommen ist und was er heute macht, hörst du im Audio weiter oben im Text.