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Hentai: Die Kunst der gezeichneten Pornografie
Aus Junge Popkultur, urbanes Leben vom 06.04.2020.
abspielen. Laufzeit 24:49 Minuten.
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Kompass Hentai: die Kunst der gezeichneten Pornografie

Übernatürlich grosse Brüste, knappe Kostüme und Sex mit ausserirdischen Wesen – Hentai boomt und hat den Sprung aus der schäbigen Nische in den globalen Markt geschafft. Doch was ist der Reiz an den erotischen Zeichnungen aus Japan und warum funktionieren sie überhaupt?

Der Gedanke, sich zu pornografischen Manga und Anime selbst zu befriedigen, mag für viele Leute – gerade in der westlichen Kultur – sehr befremdlich sein. Fakt ist aber: Die Zeichnungen aus Japan sind gefragter denn je. Alleine im letzten Jahr war Hentai der weltweit am zweitmeisten gesuchte Begriff auf der Plattform «PornHub», Link öffnet in einem neuen Fenster, mit «ProjektMelody, Link öffnet in einem neuen Fenster» wurde zu Beginn des Jahres das erste virtuelle Camgirl ins Leben gerufen.

ProjektMelody
Legende: ProjektMelody: Das weltweite erste Hentai-Camgirl ProjektMelody/Chaturbate

Das musst du wissen

  • Der Begriff «Hentai» kommt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie Perversion oder Abnormität. Er steht für sämtlichen pornografischen Anime und Manga aus Japan.
  • Wie bei der herkömmlichen Pornografie gibt es auch bei Hentai verschiedene Subkategorien. Die polarisierndsten davon sind «Lolicon/Shotacon» (Sex von minderjährigen Mädchen/Jungen mit Erwachsenen) und «Ero guro» (groteske und blutrünstige Erotik)
  • Als Geburtsstunde von Hentai gilt das Gemälde «The Dream of the Fisherman's Wife» des japanischen Malers Hokusai aus dem Jahr 1814. Es zeigt den Geschlechtsverkehr zwischen einer Frau und zwei Tintentfischen.

Nach wie vor umstritten

Wenn es um Sexualität und Pornografie geht, tut sich Japan immer noch schwer: Die Darstellung von primären Geschlechtsteilen ist gesetzlich verboten, der Vertrieb von «unzüchtigem Material» ebenfalls. Hentai bewegt sich in einem Graubereich, da es sich um Zeichnungen handelt und umgeht das System mit Tricks. Einer der bekanntesten davon ist das Ersetzen des Penisses mit einem Tentakel.

Überraschenderweise ist es bei Hentai jedoch erlaubt, Sexualpraktiken darzustellen, die im echten Leben unmöglich oder verboten sind: Pädophilie, Zoophilie, Vergewaltigung oder auch Sex mit Aliens sind verbreitete Motive. Das japanische Volk reagiert gespalten darauf: Ein Teil der Bevölkerung findet es abartig und möchte es verbieten, der Rest sieht darin eine Möglichkeit, auch «problematische» sexuelle Fantasien zu befriedigen, ohne sie ausleben zu müssen.

The Dream of the Fisherman's Wife von Hokusai
Legende: Geburtsstunde von Hentai: «The Dream of the Fisherman's Wife» Wikipedia

Vom Nischen-Ding zum Kassenschlager

Tuan HollaBack

Tuan HollaBack

Illustrator

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Der Genfer Illustrator Tuan HollaBack, Link öffnet in einem neuen Fenster wohnt seit 5 Jahren in Tokio und hat sich auf Manga und Hentai spezialisiert.

Bis vor einigen Jahren hatte Hentai den Ruf eines schmuddeligen Nerd-Dings und wurde praktisch nur von Männern konsumiert. Der Genfer Illustrator Tuan HollaBack, Link öffnet in einem neuen Fenster, welcher in Tokio als Hentai- und Manga-Illustrator arbeitet, sagt, dass das heutzutage anders ist: Fast die Hälfte seiner Kundschaft sei weiblich, auch die Komplimente, welche er auf Social Media erhält, kämen zum grössten Teil von jungen Frauen Mitte zwanzig.

Hentai ist für viele exotisch und enttabuisiert Fetische. Es fasziniert mich, dass man durch einen fiktiven 2D-Charakter sexuell stimuliert werden kann.
Autor: Tuan HollaBackHentai- und Manga-Illustrator

Massgebend für diesen globalen Erfolg ist das Internet. Dank Meme-Seiten wurde «Ahegao» (übertriebener Gesichtsausdruck der Frau beim Geschlechtsverkehr) weltbekannt, Promis wie Kanye West, Link öffnet in einem neuen Fenster oder Samuel L. Jackson, Link öffnet in einem neuen Fenster stehen offen zu ihrer Faszination für pornografischen Anime und Manga. Diese neue Popularität merkt auch Tuan HollaBack: Er arbeitet mit Menschen aus den unterschiedlichsten Branchen zusammen – von der Videospiel-Firma bis zum amerikanischen Pornosternchen ist alles dabei.

Worin liegt der Reiz?

Dania Schiftan

Dania Schiftan

Psychotherapeutin und Sexologin

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Dania Schiftan, Link öffnet in einem neuen Fenster arbeitet als selbständige Psychotherapeutin und Sexologin. Sie hat seit 13 Jahren eine eigene Praxis in Zürich.

Doch warum funktioniert gezeichnete Erotik? Laut Sexologin und Psychotherapeutin Dania Schiftan, Link öffnet in einem neuen Fenster kann der Körper auf alles reagieren, was in irgendeiner Form mit Sexualität zu tun hat. Das Geheimrezept von Hentai sei jedoch, aus Aufregung Erregung zu machen. Besonders deutlich zeige sich das, wenn Grenzen überschritten werden: Ähnlich wie bei einem Autounfall möchte man im ersten Moment gar nicht hinschauen, lässt sich dann aber von seiner Faszination und Neugier leiten.

Durch den übersexualisierten Kontext funktionieren auch Inhalte, die wir im Kopf nicht gutheissen. Zuerst kommt eine Aufregung, daraus wird eine Erregung.
Autor: Dania SchiftanSexologin und Psychotherapeutin

Grundsätzlich sei der Konsum von Hentai unproblematisch. Folgende zwei Regeln sollten jedoch beachtet werden:

  1. Wer nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann, soll die Finger davon lassen. Denn illegal bleibt illegal, egal ob gezeichnet oder im echten Leben.
  2. Bei der Selbstbefriedigung unbedingt das Verhältnis 3:1 einhalten. Einmal zu Hentai (oder allgemein zu pornografischem Material) masturbieren, danach drei Mal ohne Verwendung einer Vorlage.
Hentai-Zeichnung von Tuan HollaBack
Legende: Tuan HollaBack

Bist du schon einmal mit Hentai in Berührung gekommen? Wie hat es dir gefallen? Erzähl uns von deinen Erfahrungen via Whatsapp-Sprachnachricht auf 079 909 13 33 oder schreib einen Kommentar.

«Kompass»

Unser Host Jan Gross

Egal ob Hentai, Microdosing oder Dämonenaustreibung - Host und Produzent Jan Gross lockt dich aus der Komfortzone und beleuchtet Themen abseits des Mainstreams. Im Zentrum stehen Menschen, ihre Meinungen und Geschichten.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Jorge Lugar  (Chorche)
    Hat sicher auch mit der Abstumpfung der Gesellschaft zu tun. Es muss halt immer wieder etwas neues her, im besten Fall krasser als das Vorhergegangene.

    Irgendwann stösst man da halt an Grenzen, welche man zeichnerisch noch weiter ausloten kann.

    Die Anfangsfrage, weshalb das überhaupt funktioniert, kann man deshalb kurz und knapp mit einem Zitat von Al "vier Touchdowns in einem Spiel" Bundy beantworten: Hauptsache Titten!
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  • Kommentar von Marc Berger  (mberg)
    Gemäss Kinderrechtsorganisationen erlebt in der Schweiz jedes 5. Mädchen und jeder 7. Junge missbrauch. Die Grenzen zwischen Bild (oder Zeichnung) und Realität ist schnell überschritten. Opfer sind die Kinder, die sich nicht wehren können. Da helfen dann auch keine Regeln von Experten.

    Ich finde SRF sollte hier auch Aufklärung und über Hilfsangebot informieren, so wie beim Schicksal von Kindern mit alkoholkranken Eltern. Das fand ich sehr mutig von SRF.
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