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Kompass Veganer Aktivist: «Wir wollen Fleischesser nicht fertig machen!»

3% der Gesamtbevölkerung lebt vegan. Das Wort «vegan» scheint beinahe so inflationär verwendet zu werden wie «Influencer». Und so weit sind diese zwei inflationären Begriffe gar nicht voneinander entfernt. Silvano (28) ist veganer Aktivist. Und das vor allem digital.

Legende: Audio Kompass: Veganer Aktivismus abspielen. Laufzeit 14:07 Minuten.
14:07 min, aus Junge Popkultur, urbanes Leben vom 23.08.2018.

Vegetarisch ➡ Vegan ➡ Aktivist

Nach und nach näherte ich mich dieser Ernährungs- und Lebensweise an.
Autor: Silvano (28)Veganer Aktivist

Silvano war zunächst vier Jahre Vegetarier – das aufgrund der Doku «Vegucated», Link öffnet in einem neuen Fenster, die im Guerilla-Stil gefilmt drei New Yorker über sechs Wochen hinweg portraitiert, die in diesem Zeitraum vegan leben.

Nach und nach überzeugten Silvano die Argumente des Veganismus und somit wurde er vegan.

Was heisst vegan genau?

Veganismus , Link öffnet in einem neuen Fensterbeschreibt per Definition die Auffassung, dass ein Leben eines nicht menschlichen Lebewesens etwas wert ist. Der Begriff stammt aus den 1940er-Jahren und wurde vom Engländer Donald Watson, Link öffnet in einem neuen Fenster geprägt. Hierbei geht es wie erwähnt um mehr als Lifestyle, sondern um eine Ideologie, dass Tiere sehr wertvoll sind. «Und zwar mehr wert als unser Geschmacksempfinden», sagt Silvano. Als vegane Person nimmt Silvano also nicht teil am System, wie es jetzt ist. Das sei eine passive Selbstausschliessung aus einem System, das gemäss Silvanos Meinung ungerecht ist. Diese passive Haltung bricht Silvano aber auf: Denn er ist Aktivist.

Demonstrationen, um Aufmerksamkeit zu schaffen

Auf seinen Social Media-Kanälen (zum Beispiel auf Instagram, Link öffnet in einem neuen Fenster) , Link öffnet in einem neuen Fensterverkündet Silvano aktiv, was er am System als falsch empfindet. So engagiert er sich zum Beispiel in Gruppen, die sich unter Namen wie «The Save Movement» zusammenfinden und oftmals vor Schlachthöfen demonstrieren. Wozu? Was bringt das, wenn man einfach vor einem Schlachthof steht? Silvano meint: «Durch die Präsenz solcher Gruppen vor den Schlachthöfen soll ein Bewusstsein für die Problematik der Tierhaltung erschaffen werden.»

Der Kampf mit der emotionalen Belastung

«Ein solches Bewusstsein zu schaffen ist schwierig. Wir verurteilen keine Mitarbeitenden auf Schlachthöfen. Vielfach sind diese Mitarbeitenden auch Immigranten, die keine anderen Möglichkeiten haben als auf einem solchen Schlachthof zu arbeiten.» Silvano kann nun aber seine Augen nicht mehr verschliessen und lebt 100% für diese vegane Community.

«Die Schweizer Community ist besonders stark»

Das Demonstrieren vor Schlachthöfen ist nur eine der Massnahmen als veganer Aktivist. Was Silvano auch noch macht, ist das Demonstrieren auf Schweizer Strassen. Die Community ist ziemlich gross und aktiv in der Schweiz. Silvano selbst hat eine solche Gruppierung namens «Zurich Aninmal Save» gegründet. Dort demonstrieren die Aktivisten oftmals in Altstetten vor dem Schlachthof. Der Zusammenhalt der Aktivisten sei in der Schweiz noch grösser als in anderen Ländern, meint Silvano. Das habe mit der Landesgrösse zu tun. Oftmals sind bei Events Leute aus dem ganzen Land vor Ort – man nehme diese zweistündige Zugfahrt auf sich.

Und was ist mit Vorurteilen?

Dieser Lebensentwurf wirkt auf den ersten Blick sehr extrem und ich persönlich war aus Schreibersicht ziemlich überrascht, wie gut die Antworten auch meine etwas polemischen Vorurteilsfragen ausfielen.

  • Vorurteil 1: «Sorry, aber Veganer essen voll viele Avocados und kaufen «Superfood». Eine Avocado braucht 1000 Liter pro Kilogramm und trocknet überall den Boden aus.» - Silvanos Antwort: «Wir haben jetzt bereits genug pflanzliche Nahrung für 13 Milliarden Menschen. Und ein Kilogramm Rindfleisch? Das braucht 13'000 Liter.»
  • Vorurteil 2: «Veganer machen Fleischesser fertig. Es gibt einen Klassenkampf. Zum Beispiel werden bei gewissen Aktionen Menschen in Food Chains beschimpft, die Burger essen.» - Silvanos Antwort: «Mit unseren Aktionen wollen wir gegen niemanden sein. Wir wollen friedlich auf ein Ungleichgewicht im System hinweisen und den offenen Dialog suchen. Durch unsere Demonstrationen wollen wir niemanden fertig machen.»
  • Vorurteil 3: «Wenn die ganze Welt vegetarisch leben würde, würden Tiere einfach anders sterben - beispielsweise durch Pestizide bei Monokulturen in der Landwirtschaft.» - Silvanos Antwort: «Es würden niemals so viele Tiere leiden wie jetzt. Zudem könnte man die ganze Welt vegan ernähren und es gäbe so weniger Hungersnöte, die durch Waren- und Essensexport hervorgerufen würden. Vegan sein ist unter dem Strich also sogar ein humanitärer Akt.»

Ob diese Vorurteile wirklich nur Vorurteile sind? Eine Einschätzung

Was wirklich Fakt ist und was nicht, ist beim Thema vegan oftmals schwierig zu erkennen. Je nach Statistik und politischer Ausrichtung habe ich während meiner Recherche viele verschiedene, sich widersprechende Aussagen gefunden. Was aber sicherlich oft mitschwingt ist dieses etwas ungute Gefühl von Missbrauch und Conspiracy (= Verschwörung). Der Vegan-Hype ist nebst Demonstrationen und Aktivismus auch oft instrumentalisiert von, nun, wie soll ich das sagen, etwas radikal denkenden Bewegungen. So gibt es vor allem auf YouTube recht viele Influencer/-innen, die den veganen Lifestyle propagieren und dabei in die Extreme gehen und so ihre Follower ausnutzen: So herrscht beispielsweise das Gerücht vor, dass die weibliche Menstruation nicht natürlich ist, Link öffnet in einem neuen Fenster und durch die vegane Ernährung verhindert werden kann. Solche Ideen finden häufiger Anhänger als man denkt.

Mein Fazit: Das Gespräch mit Silvano war (und da muss ich selbst mir eingestehen, dass ich gedacht habe, vielleicht kommen da Verschwörungstheorien) überraschend informativ. Man soll dabei aber vorsichtig mit Informationen umgehen, denn: Je nach Publikation sieht alles immer wieder anders aus.

Deine Meinung?

Ist wichtig. Was denkst du über veganen Aktivismus? Was ist deine Meinung zu diesem Dauerthema? Schreibe uns in die Kommentarspalte, auf WhatsApp (079 909 13 33) oder auf studio@srfvirus.ch., Link öffnet in einem neuen Fenster

18 Kommentare

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  • Kommentar von Adrian Steinemann (steinead)
    Aus meiner Sicht sollte die Menschheit allgemein ihren Ressourcenverbrauch massiv reduzieren! Für mich stellt sich die Frage, ob ein Mensch darüber entscheiden kann, welches "Lebewesen" mehr wert ist. Aufgrund der Ähnlichkeit ist es einfach, leidene Tiere zu erkennen. Wie sieht das aber bei Pflanzen aus? Lieben die ihr Leben nicht? Fühlen die sich wohl in einer Monokultur? Einfach Teile ohne Betäubung abschneiden? Nur weil wir ihre Sprache nicht verstehen heisst nicht, dass sie nicht leiden.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Ich mag Abwechslung, suchte darum schon vor Jz für mich u.meine Familie einen mE akzeptablen MIttelweg. Wir haben aus Überzeugung unseren Fleisch-/Wurstkonsum auf 2-3x/W reduziert, Fisch aus bekannten Gründen vom Menüplan gestrichen. Tierisches beziehen wir direkt von nahen Biohöfen mit robuster Muttertierhaltung, wo die Tiere nach einem Leben in Freiheit rund ums Jahr auf dem Hof beim Fressen betäubt und dann in den Schlachtwagen gehisst werden. Ansonsten vegetarisch und vegan aus Eigenanbau.
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  • Kommentar von tom rosen (tom rosen)
    Zu viele Menschen essen zu viele Tiere, zu viele Tiere fressen zu viel Antibiotika. Zu viele Menschen leben unwürdig, zu viele Tiere auch. Zu viele Menschen sterben grausam, zu viele Tiere auch. Zu viele Menschen leben, zu viele Extremisten auch. Differenzierte Sicht auf alles ist schwer und verlangt einem grosse Persönlichkeitsstärke ab. Je jünger oder desillusionierter Menschen sind um so mehr flüchten sie sich in extreme Dogmen. Esst weniger, esst besser und lernt zu differenzieren!
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