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Kompass Loverboys: So funktioniert ihre gefährliche Masche

Wenn die beste Freundin von ihrem Typen im teuren Schlitten abgeholt wird und sich immer mehr abkapselt, kann mehr dahinter stecken: Loverboys überhäufen ihre Opfer mit Geschenken, dann schnappt die Falle zu. Irene Hirzel hat mit Betroffenen zu tun und erzählt, wie man die Masche erkennt.

Frauenfüsse in Highheels
Legende: Colourbox

Loverboymasche. Klingt so harmlos. Doch was sich dahinter verbirgt, ist grausam: Junge Mädchen werden von einem vermeintlich netten Typen um den Finger gewickelt, verlieben sich, dann schnappt die Falle zu: Der vermeintliche Freund entpuppt sich als Zuhälter, der die Mädchen in die Prostitution zwingt. Ich habe mit Irene Hirzel gesprochen, die beruflich mit Betroffenen zu tun hat.

Ich habe von sehr jungen Betroffenen gehört, die erst elf, zwölf Jahre alt sind. Ist das das typische Alter, um in diese Falle zu tappen?

Irene Hirzel: «Ja, und das verrückte ist, dass es meistens der erste Freund ist, den diese Mädchen haben. Sie träumen vom Prinzessin sein und irgendwann kommt der vermeintliche Prinz daher. Er umgarnt sie mit Geschenken, gibt ihnen das Gefühl, die Tollste und Grösste zu sein. Ihre Freundinnen erblassen vor Neid. So beginnt der Kreislauf.

Das Ziel des Täters ist, das Mädchen von sich abhängig zu machen. Er wird schnell den ersten Sex wollen, sie konditionieren und versuchen, sie von Freunden und Eltern zu isolieren. Das fällt ja in die gleiche Zeit, in der die Mädchen oft auch Zoff daheim haben.»

So bindet er das Opfer psychologisch an sich. Bis zum Punkt, wo das Mädchen alles tut für ihn.

Wer sind die Opfer?

Irene Hirzel: «Opfer können grundsätzlich fast alle sein. Vor allem die, die nicht so selbstsicher sind, die Zoff daheim haben. Ich habe in Osteuropa Opfer erlebt, die aus Kinderheimen gekommen sind, die noch nie erlebt haben, dass sie jemand gern hat. Oder eben ganz normale Mädchen aus Durchschnittsfamilien.»

Das Tragische ist, dass man in der Schweiz zu wenig darüber weiss.

Warum sprechen die Mädchen nicht darüber?

Irene Hirzel: «Du musst dir vorstellen, ein Mädchen ist zum ersten Mal über beide Ohren verliebt, er verwöhnt sie nach Strich und Faden. Sie hat zum ersten Mal Sex, mit ihm.

Plötzlich erzählt der vermeintliche Prinz von seinen Problemen, dass er dringend Geld braucht. Und er fragt, ob sie nicht mit seinem Kollegen gegen Geld schlafen könne. Aus lauter Liebe macht sie das dann. Nur ist der Kollege kein Kollege, sondern ein Freier.

Sobald das einmal läuft, ist die Wiederholung gegeben. Das haben mir Opfer erzählt, die ich zum Teil auch begleitet habe.»

Das passiert am Mittwochnachmittag in einem Hotel, sonst ist sie ja in der Schule. So merkt das praktisch niemand, vor allem wenn man die Anzeichen nicht kennt.

Sind die Täter jung? Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich ein Mädchen von einem 50-jährigen um den Finger wickeln lässt…

Irene Hirzel: «Das sind in der Regel Männer bis 25, die aus was für Gründen auch immer eine einfache Geldquelle suchen und oft auch selber einen zerrütteten Hintergrund haben.»

Ich habe von Fällen in Deutschland und Holland gehört. In der Schweiz ist es kein Thema.

Irene Hirzel: «Es ist kein Thema. Das heisst nicht, dass es das nicht gibt. Ich habe mit Polizisten gesprochen, die mir bestätigt haben, dass es solche Fälle gibt. Seien das Ausländerinnen, die über das Loverboysystem blutjung hierhin gebracht und verkauft werden. Ich bin überzeugt, dass es auch Schweizerinnen gibt, die in diese Falle tappen. Man benennt es einfach nicht so in der Schweiz. Es sind dann Opfer von Missbrauch, aber nicht von einem Loverboy, der in grossem Stil arbeitet.»

Wie viele sind betroffen?

Irene Hirzel: «Das ist schwierig zu sagen. Ich denke, es nimmt zu. Aber wir können keine Zahlen benennen, denn in den Fällen figuriert sie ja nicht als Loverboyopfer. Wen das Opfer kooperiert, findet man heraus, dass es in einem Abhängigkeitssystem war.»

Warum wird in Deutschland und Holland mehr darüber geredet?

Irene Hirzel: «Die haben erkannt, dass es sich um ein spezialisiertes Problem innerhalb des Menschenhandels und sexueller Ausbeutung handelt. Sie haben Beratungssysteme aufgebaut, auch für Eltern. Die Polizei ist sensibilisierter und man hat begonnen, hinzuschauen.»

Es beginnt immer damit: hinschauen, erkennen, Massnahmen ergreifen.

Was kann ich tun, als Freundin, als Elternteil, um Betroffene oder mögliche Opfer zu schützen?

Irene Hirzel: «Eltern müssen wissen, dass es das gibt. Es beginnt mit der Prävention. Wenn man den Verdacht hat, dass die Tochter doch etwas oft mit einem 10 Jahre älteren Typen herumhängt, kann man sich an eine Beratungselle wenden. Freundinnen können zu Lehrern oder zur Schulsozialarbeit.

Ich habe Vorträge in Schulen gemacht. Da sind Jugendliche zu mir gekommen und haben gesagt: Ich habe eine Freundin, die genau so ist, wie du beschrieben hast. Könnte sie ein Opfer sein?»

Irene Hirzel

Irene Hirzel im Porträt

Irene Hirzel ist Geschäftsführerin der nationalen Meldestelle ACT212. Sie engagiert sich seit knapp 20 Jahren gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung.

Hilfe

  • Beim Verein ACT212 können Beobachtungen betreffend Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung anonym online oder per Telefon (0840 212 212) gemeldet werden.
  • Die meisten Kantone bieten Opferberatungsstellen an, hier geht's zu den Adressen.

Kompass

Nadine Nikkles und Ranja Kamal

In der Sendung «Kompass» beantworten Ranja Kamal und Nadine Nikles die grossen und kleinen Fragen rund um Job, Ausbildung und sonstige Lebensfragen.

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