Zum Inhalt springen
Inhalt

Kompass Obdachlos: «Es kann jedem passieren, ich habe früher gut gelebt»

Schoggi, Uhren, Berge. Obdachlose passen nicht zum Image der Schweiz, und dennoch gibt es sie. Wir haben mit Franz* und Andrea gesprochen, die uns vom Leben ohne Dach über dem Kopf erzählen.

Symbolbild: Mann sitzt auf der Strasse und bettelt
Legende: Colourbox

«Ja klar, sitz doch einfach dazu», lädt mich Franz ein. Aus seinem Leben will er mir erzählen, seinen Namen aber lieber für sich behalten. Also nennen wir ihn Franz.

Wir sind im «Schwarzen Peter» in Basel. Hier hat der gleichnamige Verein für Gassenarbeit sein Büro, hier finden Obdachlose im offenen Wohnzimmer einen Platz zum Sein. Es ist tätschvoll an diesem kalten Winternachmittag. Franz trinkt aus seiner Tasse und erzählt seine Geschichte.

Wenn das Franz passieren kann, kann es jedem passieren

Ich schätze Franz auf Mitte 50. Früher war er selbständig. 25 Jahre lang. Er habe seine eigene Sicherheitsfirma gehabt. Habe an einer schicken Adresse in der Basler Altstadt gewohnt. Dann ging es mit seiner Firma zu Ende, das Geld ging aus und die Wohnung war weg. Ins Detail gehen will er nicht, nur so viel verrät er: «Es reicht, wenn du an die falschen Leute kommst.»

Es reicht, wenn du an die falschen Leute kommst.
Autor: Franz*Obdachloser aus Basel, Name geändert

Franz ist keiner, der von unten nach noch weiter unten gefallen ist. Franz ist von oben nach unten gefallen. Wenn das ihm passieren kann, kann das jedem passieren, geht es mir durch den Kopf. «Ja, es kann jedem passieren, ich habe vorher ein gutes Leben geführt», sagt Franz.

Zwei lange Winter auf der Gasse

Ob er auch bei solcher Kälte wie jetzt draussen habe schlafen müssen? Er habe zwei Winter auf der Strasse verbracht, sagt er. Während dem Leben auf der Strasse zählt Franz ständig mit: 430 Tage lang lebte Franz auf der Strasse. 1129 Bewerbungen für Wohnungen hat er abgeschickt und ebenso viele Absagen erhalten. «Wir wollen solche Leute wie sie nicht in der Wohnung, wir wollen keine Gammler.» Solche Dinge habe er sich anhören müssen.

Man schämt sich, meidet Familie und Freunde

Obdachloser in Genf
Legende: Keystone

Hat denn keiner seiner Freunde oder Verwandten geholfen, frage ich mich. Die Scham sei zu gross gewesen, um nach Hilfe zu fragen: «Zu sagen, dass man obdachlos ist und Hilfe braucht, fühlt sich blöd an», sagt Franz.

Mittlerweile lebt Franz in einer eigenen Wohnung. Irgendwann habe er sich überwunden und habe einen ehemaligen Kunden, einen Wohnungsvermittler, um Hilfe gebeten. Das ist zwei Jahre her, seither hat Franz wieder ein Dach über dem Kopf.

Unfreiwillig couchsurfen

«Hey, es hat geklappt!», ruft plötzlich eine Frauenstimme hinter mir. Es ist Andrea. Die 51-Jährige wedelt Franz mit einem Papier zu. Es ist ein Mietvertrag. «Ich kann Mitte Januar einziehen», freut sie sich. «Ich will dir auch erzählen!», sagt sie zu mir. Also höre ich ihr zu.

Andrea ist seit letztem März obdachlos. Auf der Strasse hat sie nie übernachtet, das hat sie immer vermieden. Entweder schläft sie bei einem ihrer drei Kinder, oder übernachtet bei Freunden und Bekannten. Sie freut sich auf ihre Wohnung. Sie freut sich darauf, nicht mehr auf andere angewiesen zu sein.

Für ihre Kinder sei es hart gewesen mitanzusehen, wie sie immer tiefer stürzte: Wohnung weg. Das Leben von Couch zu Couch. Eine Mutter ohne Obdach, eine Mutter mit Depressionen. Wenn die Mutter nicht mehr zu den (erwachsenen Kindern) schauen kann, sondern die Kinder zur Mutter schauen müssen. Das sei hart.

Mann weg, Geld weg, Wohnung weg

Ihre Geschichte in die Obdachlosigkeit sei einfach: Andrea und ihr Mann haben sich scheiden lassen. Sie bezieht zu 100 Prozent IV-Rente. Mit seinen Unterhaltszahlungen erreicht sie das Existenzminimum. Dann verliert ihr Ex den Job und sie kriegt kein Geld mehr von ihm. Sie kann keine Miete mehr zahlen und fliegt nach drei Monaten aus der Wohnung.

Ob sie nie Angst hatte, dass es soweit kommt, wenn sie ihre Miete nicht zahlt? «Ich dachte immer, das sei in der Schweiz nicht möglich, dass du aus der Wohnung fliegst», sagt Andrea.

Ich dachte immer, das sei in der Schweiz nicht möglich, dass du aus der Wohnung fliegst.
Autor: AndreaObdachlose aus Basel

Ihr Ex habe bald wieder neuen Job bekommen, sie dachte, sie könne die Miete nachzahlen. Diese Rechnung ging schief.

Sie sei auch sofort aufs Sozialamt gegangen, nachdem ihr Mann die Stelle verloren habe. Dort habe man ihr nicht weiterhelfen können. Es gebe im Unterschied zum Unterhalt für Kinder keinen Vorschuss für den Unterhalt für Ehepartner.

Andrea freut sich auf die Zukunft. Denn das Leben, wie es jetzt ist, hat sie gesehen: «Du wirst konstant angeglotzt und verurteilt für etwas, wovon die Leute gar keine Ahnung haben.»

Darum seien die Menschen, die ihr im Leben geblieben sind, noch mehr ans Herz gewachsen. Andrea blickt um sich, in Gesichter aus dem «Schwarzen Peter», die ihr in den letzten Monaten auch ans Herz gewachsen sind.

Auch wenn manche versoffen und kaputt sind: Es sind Menschen.
Autor: AndreaObdachlose aus Basel

Auch hier habe sie wundervolle Menschen kennengelernt. «Auch wenn manche versoffen und kaputt sind: Es sind Menschen.»

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    «Sie sei auch sofort aufs Sozialamt gegangen, nachdem ihr Mann die Stelle verloren habe. Es gebe im Unterschied zum Unterhalt für Kinder keinen Vorschuss für den Unterhalt für Ehepartner.» Sie war unterm Existenzminimum & das Sozialamt hat sie nicht unterstützt? Sie hätte auch sofort Anrecht gehabt auf Ergänzungsleistungen. Zumindest das hätte das Sozialamt sofort aufschienen müssen. Andere Varianten gibt es da nicht. Was ist an dieser Geschichte nicht wahr oder hat das Sozialamt Mist gebaut?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Das Leben auf der Strasse ist nichts für schwache Gemüter. Die Strasse ist kalt und rau.Schlimme Schicksale begleiten die Menschen, die hier leben. Dass dieses Leben nicht alle freiwillig auf sich nehmen in einem der reichsten Länder der Welt arm zu sein ist eine Schande für die Schweiz. Leben z.B im Flughafen Kloten, denn für einige ist er Obdach, Bett und Waschraum, Männer und Frauen, die hier ihre Nacht verbringen. Was für traurige Tatsachen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Was für eine traurige Tatsache, dass Menschen in der reichen Schweiz obdachlos sind. Sind es diese Menschen nichts wert, dass man ihnen sei es vom Sozialamt oder anderen Stellen hilft wieder eine Wohnung oder ein Zimmer zu beschaffen. Wie kalt und gleichgültig ist unsere Gesellschaft geworden. Es ist eine Schande diese Menschen so zu vernachlässigen. Den Flüchtlingen wird doch auch alles geboten und geholfen, ein Dach überm Kopf, Kleider, Essen etc.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen