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Kompass Warum kürzere Arbeitszeiten in der Schweiz keine Chance haben

Einige wenige Betriebe in Schweden haben den 6-Stunden-Tag eingeführt. Die Angestellten sind ausgeruhter, motivierter und sind produktiver. In der Schweiz haben kürzere Arbeitszeiten aber wohl keine Chance. Der Arbeitgeberverband und die Gewerkschaft Travail.Suisse sind skeptisch.

Comicmännlein mit 4 Händen am Telefonieren, Maus bedienen, von Hand schreiben und am Handy
Legende: Colourbox

In Schweden experimentieren einige Betriebe mit dem 6-Stunden-Tag: Etwa ein Werk des Autoherstellers Toyota und ein Altenheim in Göteborg. In den USA hat eine Stand Up Paddle-Firma gar den 5-Stunden-Tag eingeführt. Hier erfährst du mehr darüber.

Gewerkschaft und Arbeitgeberverband sind skeptisch, wenn auch aus anderen Gründen

Adrian Wüthrich ist Präsident der Gewerkschaft Travail.Suisse und findet es eine interessante Vorstellung, nur sechs Stunden am Tag zu arbeiten, sagt er am Telefon.

Wir stellen uns vor, dass diese 6 Stunden viel anstrengender wären, weil man dann gleich viel in kürzerer Zeit leisten muss.
Autor: Adrian WüthrichPräsident Travail.Suisse

Er sagt aber auch: «Wir stellen uns vor, dass diese 6 Stunden viel anstrengender wären, weil man dann gleich viel in kürzerer Zeit leisten muss.»

Der Arbeitgeberverband sieht kein Bedürfnis nach kürzeren Arbeitszeiten, sagt Kommunikationschef Fredy Greuter: «Wir kennen keine Anzeichen zu einem Trend Richtung 6-Stunden-Tag.»

Tatsächlich sind in den letzten Jahren Initiativen, die mit neuen Arbeitsmodellen experimentieren wollten, abgelehnt worden: 2016 haben wir die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen abgelehnt, 2012 die Initiative für sechs Wochen Ferien für alle und 2002 die Initiative für kürzere Arbeitszeiten respektive für eine 36-Stunden-Woche.

Lieber chrampfen als chillen

Arbeiten wir einfach zu gerne in der Schweiz? Vereinfacht könne man sagen, dass die Menschen in der Schweiz mit der Arbeit stark verbunden seien und die Arbeit einen grossen Teil des Lebensinhalts ausmache, sagt Fredy Greuter vom Arbeitgeberverband.

Vielleicht kann man sogar sagen, dass uns Arbeit glücklich macht.
Autor: Fredy GreuterArbeitgeberverband

Ausserdem stifte Arbeit Identität, fügt Greuter an und meint: «Vielleicht kann man sogar sagen, dass uns Arbeit glücklich macht.»

Neben den Pausen geht auch das Zwischenmenschliche verloren

Es brauche für eine Arbeitsbeziehung nicht nur Knowhow, sondern in vielen Betrieben auch Vertrauen, sagt Adrian Wüthrich von der Gewerkschaft Travail.Suisse. «Alles, was auf der Beziehungsebene wichtig ist, muss sich entwickeln, weil man oft kein Einzelkämpfer ist, sondern in einem Team arbeitet. Die Gefahr ist, dass solche Dinge wegfallen.»

Alles, was auf der Beziehungsebene wichtig ist, muss sich entwickeln, weil man oft kein Einzelkämpfer ist, sondern in einem Team arbeitet.
Autor: Adrian WüthrichTravail.Suisse

Trotz Digitalisierung fehlen Leute, die anpacken

Als Argument für kürzere Arbeitszeiten wird gerne auch die Digitalisierung genannt: Wenn Computer immer mehr von unserer Arbeit wegnehmen, teilen wir uns mit kürzeren Arbeitszeiten das auf, was übrig bleibt.

Hier widerspricht Fredy Greuter vom Arbeitgeberverband und argumentiert mit der Überalterung der Gesellschaft. Der Arbeitgeberverband geht davon aus, dass in den nächsten Jahren jährlich etwa 50’000 Leute aus dem Erwerbsleben ausscheiden und nicht durch Junge ersetzt werden.

Es wäre es nicht logisch, mit einem 6-Stunden-Modell zu kommen, wenn ohnehin die Wahrscheinlichkeit gross ist, dass wir die Arbeit nicht mehr auf gleich viel Köpfe verteilen können
Autor: Fredy GreuterArbeitgeberverband

«Das bedeutet konkret, dass Arbeit auf weniger Leute verteilt werden muss. Da wäre es nicht logisch, mit einem 6-Stunden-Modell zu kommen, wenn ohnehin die Wahrscheinlichkeit gross ist, dass wir die Arbeit nicht mehr auf gleich viel Köpfe verteilen können», sagt Greuter.

Lieber in Teilzeitarbeit investieren

Die Gewerkschaft Travail.Suisse sieht einen Bedarf an kürzeren Arbeitszeiten, aber in Form von Teilzeitarbeit.

Gehe es um Teilzeitarbeit, seien die Vorbehalte gross, vor allem wenn es um Männer, um Väter gehe, sagt Adrian Wüthrich:

«Dass man die Arbeit nicht aufteilen kann, dass die Präsenz sehr wichtig ist von Montag bis Freitag, dass man entsprechend für Überstunden bereit sein muss, dass der Koordinationsaufwand gross ist und damit die Kosten. Diese Hürden bereiten den Arbeitgebern in der Schweiz Kopfzerbrechen.»

Kompass

Nadine Nikkles und Ranja Kamal

In der Sendung «Kompass» beantworten Ranja Kamal und Nadine Nikles die grossen und kleinen Fragen rund um Job, Ausbildung und sonstige Lebensfragen.

3 Kommentare

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  • Kommentar von Aurel Specker (Auspec)
    Ich habe auf der Basis von WEF Zahlen, welche die Jahresarbeitsstunden mit der Produktivität pro Stunde verglichen, eine Extrapolation gemacht was denn so die "perfekte" Jahresarbeitszeit wäre. Vom Resultat war ich extremst überrascht. Ich habe angenommen, dass es so etwa 1800-2200 sei, also CH Niveau. Aber es kam 1000 Std/Jahr raus. Man kann es anzweifeln etc, aber auch wenn ich 50% daneben war, ist es immer noch bei 1500 Std/Jahr. Die Datengrösse vom WEF war genügend um verlässlich zu sein.
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  • Kommentar von Lutz Bernhardt (lb)
    Hier fehlt ein Verweis auf Frankreich. Dort läuft es doch schon seit langem in diese Richtung. Und wo steht das Land heute? Träumen ist schön. Nachdenken, hinterfragen, analysieren ist besser.
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    1. Antwort von Aurel Specker (Auspec)
      Habe ich gemacht (siehe mein Kommentar). In Frankreich muss es an was anderem liegen als die Arbeitszeit. Aber man wird sehen, Firmen testen aus, und das was am besten klappt wird übernommen. Teilweise seeeeeeeehr langsam, wie bei den Frauen als Topmanager, aber es kommt schlussendlich.
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