Wie sich der moderne Mensch Tag für Tag kaputt sitzt

Sitzen in der Schule oder an der Uni. Sitzen auf dem Weg zur Arbeit. Sitzen beim Feierabendbier oder vor der Glotze. In der Schweiz sitzt bereits jeder sechste 8.5 oder mehr Stunden am Tag. Das schadet Körper und Geist - dabei wäre mit extrem wenig Aufwand extrem viel getan.

Illustration: Evolution - Vom Affen zum Homo Sapiens zum Homo Digitalis Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Creative Commons / patriziasoliani / Farbanpassung SRF

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Daniel Aebi

Daniel Aebi ist diplomierter Physio- und Manualtherapeut. Ausserdem ist er Dozent für Manuelle Therapie und Tutor der Schweizer Ärztegesellschaft für Manuelle Medizin.

Zu viel sitzen soll das Leben verkürzen. Es soll sogar ungesünder sein als Rauchen. Amerikanische Forscher wollen herausgefunden haben, dass drei Stunden sitzen am Tag das Leben verkürzen soll. Ein Experte sagt, was daran ungesund sein soll und was wir konkret dagegen tun können.

Mittlerweile gilt ja alles als ungesund: Zu viel Sonne führt zu Krebs, zu wenig Sonne macht depro. Jetzt soll zu viel Sitzen gar das Leben verkürzen, klingt gar drastisch...

Daniel Aebi: Keine Studie ohne Gegenstudie. Ich würde das mit Vorsicht geniessen. Es gibt Studien die sagen, zu viel Sitzen fördert Krebs oder macht impotent. Aber sicher ist: Sitzen ist nicht gesund.

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Der Rücken mag nicht sitzen

Der Rücken mag nicht sitzen

Was zu viel Sitzen mit deinem Rücken und vor allem mit den Bandscheiben anstellen kann, erklärt Physio- und Manualtherapeut Daniel Aebi hier.

Zieht man von den 24 Stunden eines Tages 8.5 Stunden fürs Sitzen und die durchschnittlichen 7.5 fürs Schlafen ab, bleiben immer noch 8 Stunden. Reicht das nicht?

Aebi: Das wäre schon viel um sich zu bewegen. Aber eben ist herausgekommen, dass das Fernsehverhalten in der Schweiz zugenommen hat. Dann wird noch gegessen und getrunken, so fallen wieder einige Stunden weg...

Was ist denn genau das Problem mit dem Sitzen?

Aebi: Die Bandscheibe kann 20 Minuten vertikal belastet werden, sprich Sitzen. Danach verliert sie Wasser. Das kann die Bandscheibe spröd und rissig machen und am Ende zu einem Bandscheibenvorfall führen - auch bekannt als «Hexenschuss».

Richtig sitzen wär so einfach

3:33 min, aus Junge Popkultur, urbanes Leben vom 15.03.2016

Bei Hexenschuss muss ich an ältere Leute denken - haben das auch junge Leute?

Aebi: Immer mehr junge Leute ab 20 aus dem Bürobereich haben Bandscheibenvorfälle. Das war vor 20 Jahren noch nicht so. Das hat extrem zugenommen. Wobei es heute mit der ganzen Fitnesswelle eine Gegenbewegung gibt. Aber man kann 8 Stunden sitzen nicht mit 1.5 Stunden Fitness kompensieren.

Dabei müsste man gar nicht so viel machen. Es reicht offenbar, sich alle 20 Minuten etwas zu bewegen?

Aebi: Nach 20 Minuten verliert die Bandscheibe Wasser. Das kann sie erst wieder durch Bewegung regenerieren. Richtig vollsaugen kann sich die Bandscheibe erst in der Nacht, in der horizontalen Lage.

Die 20 Minuten-Regel im Fokus

4:34 min, aus Junge Popkultur, urbanes Leben vom 10.08.2016

Ich muss also im Hörsaal oder im Büro keine grossen Fitnessübungen machen, sondern mich nur alle 20 Minuten etwas bewegen?

Aebi: Aufstehen und zum Drucker laufen, schnell beim Kollegen im Raum nebenan vorbeigehen statt eine Mail zu schreiben oder mal die Füsse auf den Tisch zu legen reicht - fragt sich nur, wie das beim Chef ankommt.

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Kompass

Nadine Nikkles und Ranja Kamal

In der Sendung «Kompass» beantworten Ranja Kamal und Nadine Nikles die grossen und kleinen Fragen rund um Job, Ausbildung und sonstige Lebensfragen.

Aber bewege ich mich nicht automatisch alle 20 Minuten? Niemand sitzt doch stundenlang starr da...

Aebi: In der Nacht bewegt sich der Körper alle 20 Minuten ganz von selber. Aber man hat schon vor Jahren herausgefunden, dass derselbe Mensch, der sich im Schlaf von selber bewegt, am Tag starr dasitzen kann.

Wie soll ich meinem Chef oder Lehrer erklären, dass ich mich alle 20 Minuten bewegen muss? Man kann auch sagen, dass das nicht produktiv sei...

Aebi: Früher hat man diesen Kindern Zappelphilipp gesagt, heute sind es ADHS-Kinder, denen man Ritalin gibt. Ich bin selber Dozent und mag es nicht, wenn die Leute herumlaufen. Aber man kann aktive Pausen einbauen. Wie gesagt: eine kurze Ablenkung nach 20 Minuten würde reichen.