Was würdest du tun, wenn in deiner Stadt Krieg ausbricht?

Wo gehe ich hin? Wen nehme ich mit? Was ist mit denen, die zurückbleiben? Ich habe mit jungen Syrern gesprochen, die ihre Heimat verlassen haben. Der eine ist Musiker, der andere Archäologe. Beide kommen aus Aleppo. Beide hätten nie gedacht, dass ihre Heimat einmal in Schutt und Asche liegen würde.

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Bildlegende: Aleppo, vom Krieg zerstört. Keystone

Aleppo war einmal eine lebendige Stadt voller Studenten

An der Uni von Aleppo waren vor dem Krieg 60'000 Studenten eingeschrieben. Zum Vergleich: An der Uni Zürich studieren rund 26'000 Studenten, in Basel sind es 11'000 und an der Uni St. Gallen knapp 7'000. In Aleppo haben auch Manar Kerdy und Samer Saem Eldahr studiert - Manar hat sich mit Archäologie beschäftigt, Samer mit Kunst. Sie liebten es, abends bei der Zitadelle zu sein. Mit Freunden hängen. Shisha rauchen. Musik hören. Was man halt so macht.

BildlegendeDie zerstörte Umayyad Moschee in Aleppo

Wenn plötzlich nichts mehr so ist, wie es war

Musik war in Samers Leben schon immer wichtig. Heute verwebt er als Hello, Psychaleppo elektronische Musik mit orientalischen Sounds aus seiner Heimat. Als Jugendlicher hat er gerappt und in Rock-Bands gespielt, bis er durch Acts wie Thom Yorke, Aphex Twin oder Boards Of Canada die elektronische Musik entdeckte und selber zu experimentieren begann. Dann kam der Krieg.

2012 flüchtete er in den Libanon - nur für ein paar Wochen, dachte er sich. Doch es kam anders. Der Krieg nahm immer schlimmere Ausmasse an. Mittlerweile lebt er in den USA. Seit Jahren war er nicht mehr in seiner Heimat und bei all den Menschen, die er zurücklassen musste und vermisst. Seinen Grossvater und seine Cousins zum Beispiel. Musik machen hilft ihm, den Wahnsinn des Krieges einigermassen auszuhalten.

«  Musik machen hilft mir, psychisch und emotional gesund zu bleiben. »

Hello, Psychaleppo
Musiker

Wir werden zurückkehren und unsere Heimat wieder aufbauen

Manar Kerdy hat Aleppo vor dem Krieg verlassen. Während seinem Archäologie-Studium in Syrien hat er Forscher der Uni Basel kennengelernt, zusammen haben sie in Syrien an Grabungen teilgenommen. Die Uni Basel hat Manar eingeladen, in Basel seinen Doktor zu machen. Zum Glück. Nicht nur wegen der Chance, in Basel seinen Master zu machen. Sondern weil er rechtzeitig vor dem Krieg in Sicherheit kam. Und nach Ausbruch des Krieges seine Familie in die Schweiz retten konnte.

«  Ich habe vor zwei Jahren zum letzten Mal ein Foto meines Elternhauses gesehen. Es war zur Hälfte zerstört. Keine Ahnung, was heute noch davon übrig ist. »

Manar Kerdy
Archäologe

Manars Traum war es, in Syrien als Archäologe zu arbeiten. Aus diesem Traum ist ein Alptraum geworden. Aber er gibt sich sehr zuversichtlich: Eines Tages werde der Krieg vorbei sein. Und dann würden junge Syrer wie er das Land wieder aufbauen.

Was hätte ich getan?

Als mir Samer und Manar ihre Geschichte erzählt haben, habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich es machen würde. Mit wem flüchte ich? Mit meinem Liebsten Was ist mit meinen Eltern? Was mit meiner besten Freundin und meinem Gottemeitli? Was nehme ich mit?

Samer und Manar haben mir von ihren Ängsten und Verlusten (beide haben viele ihrer Liebsten im Krieg verloren) und ihren Hoffnungen erzählt. Ihre Geschichten haben mich berührt - und beeindruckt, weil beide die Hoffnung auf Frieden und eine Zukunft für Syrien nicht aufgegeben haben.

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