«Ich wuchs zwischen Abfall und Hundekot auf»

Simons (40) alleinerziehende Mutter war masslos überfordert mit ihren drei Kindern. Sie wuchsen im Chaos auf – dann griff das Jugendamt ein. Sein Bruder wurde zur Adoption freigegeben, Simon und seine Schwester kamen in eine Pflegefamilie. Die vermeintliche Rettung war aber nur von kurzer Dauer.

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S.O.S. – Sick of Silence

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Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 19-20 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

Simons* Kindheit und Jugend war geprägt von Gewalt, Verwahrlosung, Kriminalität und Suiziden in seinem Umfeld. Er wurde als drittes Kind in eine Sozialfallfamilie geboren. Kurz danach folgte die Scheidung der Eltern, was zur totalen Überforderung der Mutter führte: die Kinder wuchsen im Dreck zwischen Abfall und Hundekot auf.

Als er drei Jahre alt war, griff das Jugendamt ein: Simon und seine Schwester kamen in eine Pflegefamilie, der ältere Bruder wurde zur Adoption freigegeben. Für Simon ist die Zeit in der Pflegefamilie die einzig schöne Erinnerung an seine Kindheit: «Wir lebten in einem Landhaus, wir sahen die Berge und beobachteten Murmeltiere und Mäusebussarde.»

«  Die Zeit in der Pflegefamilie sind meine einzigen schönen Erinnerungen an meine Kindheit. Wir lebten in einem Landhaus, wir sahen die Berge und beobachteten Murmeltiere und Mäusebussarde. »

Was danach folgte ist unvorstellbar. Simons Mutter heiratete ein zweites Mal, er und seine Schwester mussten zurück zu ihr und dieses Mal wurde es noch schlimmer.

Feuerwaffen, rohe Gewalt und Alkohol

Zurück bei der Mutter entpuppte sich Simons Stiefvater als alkoholabhängiger Choleriker mit Hang zu Feuerwaffen, der sich nur mit roher Gewalt ausdrücken konnte. Das bekamen nicht nur Simon und seine Schwester, sondern auch die Mutter tagtäglich zu spüren. Oft bedrohte er die Mutter mit seinen Waffen und Simon sah mit an, wie sich seine Mutter den Lauf einer Waffe an den Kopf drückte und den Stiefvater anschrie, er solle endlich abdrücken.

«  Einmal hat sie sich den Lauf an den Kopf gehalten und meinen Stiefvater angeschrien, er solle doch endlich einfach abdrücken. »

Nebst der vielen Gewalt litt Simon auch sehr daran, dass sein leiblicher Bruder nur drei Kilometer von ihm entfernt aufwuchs und ihnen der Kontakt verboten wurde. Ein Zustand, der ein paar Jahre später in einem Drama endete.

Simons Abstieg in die Kriminalität und die vielen Suizide

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Weil Simons Eltern ihr ganzes Geld für Alkohol und unnütze Dinge verprassten, begann er mit sieben Jahren sein Geld selbst zu besorgen – indem er kriminell wurde.

Zuerst waren seine Taten auf kleinkriminellem Level, mit neun Jahren beging er dann seinen ersten Einbruch. Eine Abwärtsspirale, aus der er sich Jahre nicht mehr befreien konnte.

Nebst der Kriminalität war Simons Jugend von drei Suiziden und einem tragischen Tod geprägt. Mit 14 brachte sich seine Mutter um, als er 15 war starb sein bester Freund, mit 16 nahm sich auch sein leiblicher Vater das Leben. Und als ob das nicht genug wäre, beging dann auch noch sein Bruder Suizid, weil er den Verlust seiner Geschwister nicht verarbeiten konnte.

«Ich war eine tickende Zeitbombe»

Diese schrecklichen Voraussetzungen führten dazu, dass Simon immer gewalttätiger wurde. «Ich war eine tickende Zeitbombe», erzählt er. Einzig das Kiffen und das Rappen – so sagt er – hielten ihn davon ab, dass er niemanden umbrachte bei den unzähligen Schlägereien, in die er verwickelt war.

«  Mein Motto damals war: Lebe schnell, stirb jung. »

Den Höhepunkt seiner kriminellen Karriere erreichte er mit 19, als er wegen eines bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis landete. «Mein Motto damals war: Lebe schnell, stirb jung», sagt er.

Der Knast als Wendepunkt

Als Simon sein Dasein hinter Gitterstäben verweilte, wurde ihm bewusst, dass er sein Leben schleunigst in den Griff bekommen musste. Er träumte von einem Studium und einem besseren Leben. Er bekam eine zweite Chance, wurde entlassen und zog dann eine Lehre durch – nachdem er vor seinem Knastaufenthalt schon bei zwei vorherigen Versuchen scheiterte.

Damit nicht genug: Mit 28 begann er zu studieren und fünf Jahre später schloss er erfolgreich ab. Er fand eine «viel zu geduldige» Frau und geniesst sein Leben mit ihr und seinem Hund. Trotzdem hat er noch heute grosse Probleme einen Job zu finden.

* Name von der Redaktion geändert