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Rehmann Anna (25): «Gewaltausbrüche waren das Ventil meiner Mutter»

Als Kind wird bei Anna ADHS diagnostiziert. Ihre Mutter wehrt sich vehement gegen das Medikament Ritalin, ist aber masslos überfordert und zeigt das in Gewaltausbrüchen. Die schwere Kindheit mündet für Anna in Anorexie und einem Freund, der sie psychisch terrorisiert.

Vielleicht hätte man Anna eine schwierige Kindheit ersparen können, wäre ihr ADHS früher diagnostiziert worden. Schon als Einjährige verzichtet sie auf ihren Mittagsschlaf und rennt als Kind manchmal einfach zwei Stunden im Kreis. Da ihre Eltern sehr sportlich sind, denken alle, sie sei einfach ein Kind mit Bewegungsdrang. Doch Anna kann nie still sitzen. In der Schule erzielt sie gute Noten, doch sie lenkt ihre Mitschüler ab. Sie verliert ihre Schulbücher, vergisst die Hausaufgaben. Die Kinderärztin rät zu einer Abklärung auf ADHS. Doch Annas Mutter lehnt eine Untersuchung ab. Sie ist Lehrerin und ihre Erfahrungen mit Kindern, die Ritalin einnehmen, führen zu grossem Respekt vor dem Medikament. Doch Annas Energieanfälle nehmen nicht ab.

ADHS

Als ADHS wird eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung bezeichnet. Diese kann sich durch Konzentrationsbeeinträchtigungen, impulsive Handlungen sowie körperliche Unruhe und Bewegungsdrang bemerkbar machen. Meistens wird die Krankheit im Kindsalter erkannt. Die Ursachen sind nicht geklärt.

Ihre Mutter kommt mit Annas anspruchsvoller Art nicht zurecht und ist masslos überfordert. Sie weiss sich nur noch mit Gewalt zu helfen. Zuerst Ohrfeigen, dann immer brutaler. Anna ist neun Jahre alt, als ihre Mutter ihr gesteht, dass sie sich wünschte, Anna wäre nie geboren. Die Auseinandersetzungen zwischen ihnen gehen so weit, dass sich die Mutter vor Anna selbst verletzt.

Wenn ich in einen Raum kam, habe ich diesen voll eingenommen.

Mit vierzehn Jahren zieht sich Anna immer mehr zurück, da sie das Gefühl hat, sie sei eine schlechte Person. In den Skiferien stösst sie vor lauter fremder Eindrücke an ihre Grenzen. Sie ist so überfordert, dass sie nicht mehr essen und kaum schlafen kann.

Essstörung als Kontrolle

Was aus einer Reizüberforderung entsteht, manifestiert sich in Kontrollwahn. Eine Essstörung gibt Anna das Gefühl, ihren Körper im Griff zu haben. Doch die Anorexie verschlimmert die Konfliktsituation mit ihrer Mutter. Anna beginnt, sich körperlich gegen die gewalttätige Mutter aufzulehnen und wendet sich an ihren Vater. Sie traut sich jedoch nicht, die Misshandlung direkt anzusprechen, da sie sich dafür selbst verantwortlich fühlt.

Ich bin tagelang weinend in meinem Zimmer gesessen und habe die Welt nicht verstanden. Ich fühlte mich so falsch, nachdem was ich meiner Mutter angetan habe.

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Erste Liebe

Nach der Matura will sie für fünf Monate nach Australien. Damit beginnen die Probleme mit ihrem Freund. Er wirft ihr vor, sie würde ihn überfordern und sei egoistisch. Er beginnt sich selber zu verletzen und gibt Anna die Schuld dafür. Das geht soweit, dass er sie erpresst: Wenn sie nicht zurückkommt, will er sich etwas antun.

Ich dachte, es läuft wirklich etwas falsch mit mir.

Sick of Silence

In der Sendung Rehmann S.O.S erzählen junge, kranke Menschen ihre Lebensgeschichte. Nun geben wir Menschen eine Stimme, die anonym von ihrem Schicksal erzählen möchten.

In der Webserie erzählen die Schauspieler Anja Rüegg, Silvio Kretschmer und Giorgina Hämmerli solche Geschichten - genau so, wie uns diese erzählt wurden.

Sie trennt sich von ihrem Freund und lernt jemanden kennen, der mit ihrer Art klarkommt. Jemand der ihr zeigt, dass ihre Krankheit nicht selbstverschuldet ist. Ihre zweite Beziehung wirkt sich sehr positiv auf Anna aus. Die Hyperaktivität versucht sie sportlich zu nutzen. Sie geht joggen, läuft einen Marathon. Im Alltag bleibt sie ruhelos und macht mehrere Sachen gleichzeitig: Während sie einen Film schaut, hört sie gleichzeitig Radio, liest eine Zeitschrift, ein Buch und surft nebenbei im Internet.

Momentan denkt Anna auf Empfehlung ihres Psychologen über eine Behandlung mit Ritalin nach.

*Name von der Redaktion geändert

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