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Rehmann Beat (28): «Ich stürzte aus 15 Metern auf den Betonboden»

Beat fällt als Vierjähriger aus dem Fenster. Seit dem Sturz aus dem vierten Stock sitzt er im Rollstuhl. Das Aufwachsen mit einer körperlichen Einschränkung ist eine Herausforderung. Doch Beat macht das Beste aus seiner Situation und geniesst sein Leben.

Beat kann sich noch an den Tag erinnern, als er aus dem Fenster fällt. Fetzenweise, wie er sagt. Er sieht, wie ein Sanitäter vor ihm steht, seine Mutter daneben – verzweifelt. Der Vater nimmt sie in den Arm. Dann wacht Beat im Spital wieder auf, muss in die «Röhre». Er hat Panik, immer wieder muss die Tomografie abgebrochen werden. «Ich habe getobt», sagt Beat.

Dafür, dass er aus 15 Metern Höhe auf den nackten Betonboden knallt, halten sich die Verletzungen vorerst in Grenzen. Innere Blutungen führen jedoch zu einer derartigen Schwellung, dass beim Halswirbel Nerven abgedrückt werden. Fortan sind Beats Beine gelähmt.

Meiner Mutter mache ich keine Vorwürfe – viel eher mir selbst.

Umstellung auf ein Leben im Rollstuhl

Seine Mutter ist in der Waschküche, als es passiert. Sie hat lange danach noch Schuldgefühle. Er habe ihr nie Vorwürfe gemacht, sagt Beat – man könne ein Kind halt nicht pausenlos im Auge haben. «Viel eher mache ich mir selbst Vorwürfe, weil ich ihr diesen Schmerz bereitet habe», meint er.

Beats Umgebung muss angepasst werden. Die Altbauwohnung im vierten Stock ist nicht rollstuhlgängig, deshalb baut die Familie einen ebenerdigen Anbau. Um Beat barrierefreien Zugang zum Klassenzimmer zu ermöglichen, wird in der Primarschule sein Unterrichtsraum kurzerhand ins Erdgeschoss verlegt.

Der Tag des Sturzes ist quasi mein zweiter Geburtstag.

Freud und Leid beim Aufwachsen

Beat fühlt sich vom Umfeld fast nie diskriminiert. «Ich wurde immer als gleichwertiger Teil angesehen», sagt er. Als Kind geniesst er zuweilen sogar zusätzliches Ansehen. Seine Kindergärtnerin schraubt Rollen an seinen Stuhl, was Beat zur Attraktion macht. Den Stuhl hält der Kindergarten noch heute in Ehren. Auch, dass er dann wie alle anderen eingeschult wird, findet er wichtig.

Leider ist der Eintritt in die Primarschule nicht so selbstverständlich wie erhofft: Bei der Einschulung will die Gemeinde erst einen Einstufungstest verlangen. Die Behörden verstehen schlicht nicht, dass eine körperliche Einschränkung nicht automatisch auch eine geistige ist. Seine Mutter stemmt sich erfolgreich dagegen.

Sie gab mir wegen dem Rollstuhl eine Abfuhr – eine echte Ohrfeige wäre mir lieber gewesen!

An Schulreisen und Sporttagen kann Beat nicht teilnehmen. Das macht ihn traurig. Allerdings wird einer dieser Sporttage zu einem absoluten Highlight in Beats Leben: Bei der Preisvergabe am Schluss erhält er einen Ehrenpreis, und das ganze Schulhaus klatscht für ihn. «Ich habe volle Kanne geweint!», erzählt er.

Ein Tiefpunkt ist einige Jahre später dagegen eine Abfuhr von einer Frau, in die er sich verliebt. Sie rät ihm, eine Partnerin zu suchen, die auch im Rollstuhl sitzt. Für Beat ein herber Schlag – er fällt für Monate in eine Depression.

Nur weil ich im Rollstuhl sitze, bin ich nicht geistig behindert!

Grosse Pläne trotz Einschränkung

Beat überwindet jedoch auch dieses Tief und lässt sich nicht durch seinen Rollstuhl definieren. Er geniesst sein Leben. Zum Beispiel macht er gerne Sport – besonders das Schwimmen. Er singt in einem Gospelchor und tanzt Tango. Ausserdem ist er schon weit gereist und hat vor, dereinst auch einmal alleine eine grössere Reise, vielleicht nach Australien oder Neuseeland, zu machen.

Er wünscht sich von der Gesellschaft, dass man körperlich beeinträchtigte Menschen komplett integriert. «Stellt keine Barrieren auf! Es ist eine Bereicherung für alle, wenn wir integriert werden.»

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.