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Rehmann «Ich bin magersüchtig aber man sieht es mir nicht an»

Schon lange hadert Anelie (24) mit ihrem Körperbild. Ihre Unzufriedenheit mit ihrem Körper und der Drang, es allen Recht zu machen, münden in einer Essstörung. Heimlich fängt sie an, ihr Essen zu kontrollieren.

Früh fängt bei Anelie* die Pubertät an. Sie bekommt Brüste, eine Hüfte und mehr Fett. Während bei ihren Kolleginnen die Pubertät noch auf sich warten lässt, wird ihr Körper sehr schnell weiblich. «Früher war ich immer dünn und plötzlich ging ich auf wie ein Hefebrötchen.»

Ich hatte Mühe damit, die einzige Frühreife zu sein.

Die früh beginnende Pubertät setzt ihr zu. «In der Pubertät hat man schon andere Probleme, ist unsicher und vergleicht sich mit allen», sagt Anelie. Als bei ihr die körperliche Entwicklung zu Ende geht, normalisiert sich ihr Stoffwechsel wieder, während bei ihren Kolleginnen die Pubertät erst einsetzt. «Es war schön, den anderen Mädchen zuzuschauen. Ich war jahrelang die Einzige in der Frühpubertät.»

Während die anderen Mädchen nun zulegen, verliert sie an Gewicht, ohne etwas machen zu müssen. Doch 2013 möchte Anelie noch mehr Gewicht verlieren. Sie fängt an Sport zu treiben, versucht weniger zu Essen und bestellt sogar Medikamente im Internet, mit denen man anscheinend abnehmen soll.

Innerhalb eines halben Jahres konnte ich zwei Kleidergrössen kleiner tragen und ich fand es sehr cool.

An ihrem Arbeitsplatz bemerkt niemand ihre Veränderung. Da sie viel Sport treibt, wirkt sie nicht abgemagert. Ein deutliches Zeichen der atypischen Anorexie.

Atypische Anorexie — Was ist das?

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Ein verzerrtes Körperbild, die starke Angst wieder zuzunehmen und der Zwang, die Kalorienaufnahme zu reduzieren sind psychische Faktoren einer Magersucht, der Anorexia Nervosa.

Diese Faktoren können auch bei über- oder normalgewichtigen Menschen auftreten, die zuvor viel Gewicht verloren haben aber äusserlich normal erscheinen.

Ein Patient mit atypischer Anorexie erfüllt deshalb nicht alle Kriterien der klassischen Magersucht, der «Anorexia Nervosa».

Trotzdem gibt langsam besorgte Bemerkungen von Kollegen über ihr Gewicht. «Für mich war das nicht alarmierend, sondern ein Kompliment», sagt Anelie.

Sick of Silence

In der Sendung Rehmann S.O.S erzählen junge, kranke Menschen ihre Lebensgeschichte. Nun geben wir Menschen eine Stimme, die anonym von ihrem Schicksal erzählen möchten.
In der Webserie erzählen die Schauspieler Anja Rüegg, Silvio Kretschmer und Giorgina Hämmerli solche Geschichten - genau so, wie uns diese erzählt wurden.

Der Drang, es allen recht machen zu wollen

Anelie vermutet, dass die Essstörung wegen ihrer Persönlichkeit entstand. «Ich wollte für jeden Menschen perfekt sein», gesteht Anelie. Es geht so weit, dass sie nicht mehr weiss wer sie genau ist. «Denke ich nun so, weil es meine Überzeugung ist oder weil es die andere Person erwartet?», muss sich Anelie überlegen.

Ich wollte für jeden Menschen perfekt sein.

Sie entschliesst sich, ihre Probleme behandeln zu lassen. «Die erste Therapie war lediglich lebenserhaltend», sagt sie. Wöchentlich muss sie zum Arzt um auf die Waage zu stehen. «Sagte der Arzt ‹gut, Sie haben wieder zugenommen›, dachte ich, ‹scheisse, ich habe wieder zugenommen.›»

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Mit ihrer ersten Therapeutin ist Anelie überhaupt nicht zufrieden. «Mit ihr habe ich nur über mein Essverhalten geredet. Ich finde, man soll über die Ursachen reden und nicht über das Essverhalten!», moniert Anelie. Mit ihr führt sie kein einziges tiefgründiges Gespräch. «Ich habe eine Maske aufgesetzt, die ihr gepasst hat.»

Mit der zweiten Therapie zur Besserung

Vor zwei Jahren beginnt sie mit einer neuen Therapeutin zu arbeiten, mit der es auf Anhieb klappt und die sie auf den Weg der Besserung bringt. «Sie ist super und hat viel Verständnis für mich», findet Anelie. Es ist wichtig, dass man sich in der Therapie wohlfühlt, denn «dann erzählt man keinen Scheiss.»

Anelie möchte mit ihrem Schritt an die Öffentlichkeit eine Botschaft verbreiten. «Es ist wichtig, dass man seine Mitmenschen lieber einmal zu viel anspricht als einmal zu wenig. Lieber einmal genauer hinschauen als wegsehen. Das ist für mich das Wichtigste.»

*Name von der Redaktion geändert