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Rehmann Ladina (23): «Ich reisse mir selber die Haare aus!»

Ladina leidet an Trichotillomanie, einer Impulsstörung, bei der Haare bis zur kompletten Erschöpfung ausgerissen werden. Eine verdrängte Kindheitserinnerung scheint die Ursache dieser Zwangsstörung zu sein.

Im Alter von zwölf Jahren beginnt Ladina, sich ihre Haare auszureissen. Erst ist es ihr Ventil, wenn sie unter Druck steht und nicht einschlafen kann. Die Situation zuhause belastet sie: Ihre ältere Schwester erlebt eine sehr intensive Pubertät, was oft zu Streitigkeiten und Eskalationen in der Familie führt.

Mein Vater sagte, ich soll meine Haare nicht so oft bürsten.

Ladina lebt ihren Zwang heimlich aus. Ein Anfall des Reissens kann bis zu drei Stunden andauern – bis sie davon komplett erschöpft ist.

Ich hatte gehofft, dass es niemand herausfindet.

Trichotillomanie – die Diagnose

Nach einem Arztbesuch wird bei ihr fäschlicherweise Kreisrunder Haarausfall diagnostiziert. Ladina besucht den Schulunterricht mit einer Mütze. Ihr Umfeld vermutet, dass sie Leukämie hat. Das Versteckspiel dauert beinahe ein halbes Jahr. Schliesslich wird Ladinas Mutter von einer Kollegin auf die psychische Erkrankung Trichotillomanie aufmerksam gemacht. Ladina wird umgehend zur Psychologin gebracht, ihr Lügengebilde bricht zusammen.

Es fühlt sich so an wie ein Ballon, der kurz vor dem Platzen ist.

Der Moment des Ausreissens beschreibt Ladina als sehr befriedigend. Doch mit dem Blick in den Spiegel kommen die Selbstvorwürfe. Trotzdem reisst Ladina sich die Haare weiter aus. Als sie keine Kopfhaare mehr hat, beginnt sie, sich die Augenbrauen und Schamhaare auszureissen.

Trichotillomanie

Betroffene leiden am Zwang, sich Haare ausreissen zu müssen. Dabei kann es sich um Kopfhaare, Augenbrauen, Wimpern oder andere Körperhaare handeln. Manche Betroffene verspüren den Zwang, die Haare zu essen.

Der Rückfall wegen Liebeskummer und einer Verletzung

Die Situation zuhause und auch ihre Zwangsstörung beruhigen sich, als sie eine Lehre beginnt und neue Freunde findet. Sie verliebt sich zum ersten Mal. Als die Beziehung zerbricht, ertränkt sie ihren Liebeskummer in exzessivem Alkoholkonsum. Da Ladina wegen einer Verletzung für eine längere Zeit krankgeschrieben ist, fehlt es in ihrem Alltag an Struktur. Schliesslich kommt es zum Rückfall, sie reisst sich wieder die Haare aus.

Sexueller Missbrauch als Ursache?

Mit ihren ersten sexuellen Erfahrungen kommen verdrängte Kindheitserinnerungen zurück. Ladina erinnert sich an eine Situation als 5-Jährige: Ein Freund der Eltern hat sie sexuell missbraucht. Diesen trifft sie an einem Fest. Der Vorfall bringt das Fass zum Überlaufen.

Ladina rasiert sich die Haare, um sich vom Reissen abzuhalten. Doch der grosse Druck braucht ein Ventil: «Der Zwang war ja trotzdem noch da.» Ladina beginnt, sich mit einem Küchenmesser zu verletzen. Einmal schneidet sie sich so tief, dass sie in einer Blutlache erwacht.

Nach einem Klinikaufenthalt hat sie heute aber gelernt, mit ihrem Zwang umzugehen.

Betroffenen rät Ladina, Probleme anzusprechen und sich Hilfe zu suchen.

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 19-20 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Christoph Schuppisser (Guexxr)
    Vielen Dank fürs Teilen. Ich bin selbst davon betroffen und kann ganz viele Sachen 1-1 nachvollziehen/-fühlen. Was mir sicherlich geholfen hat ist, gleich wie bei dir, mit Sachen aus der Vergangenheit aufräumen. Ich denke diese Unruhe/Nervosität die zum Zupfen führt, steht in engem Zusammenhang mit „unfinished Business“ aus eigener Vergangenheit und einem Bewegungsmangel. Ich handle es mit powernaps und Sport. Der wichtigste Punkt ist aber übers Zupfen zu sprechen mit einer vertrauten Person.
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