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Rehmann «Meine schwere Kindheit prägt mich bis heute!»

Schon als Kind empfindet Annie ein Unwohlsein. Heute vermutet sie, dass ihr alkoholkranker Vater und die Misshandlung, die sie zuhause erlebte, eine Ursache dafür sind. Bis heute ist die 27-Jährige im Verarbeitungsprozess und will ihre Verdrängungsmechanismen überwinden.

«Deine Eltern sind deine Welt»

Als plötzlich das Jugendamt vor der Haustür steht, bekommt Annie Angst, dass man sie ihren Eltern wegnimmt. Auslöser für den unerwarteten Besuch sind die Nachbarn der Familie, die vermuten, dass Annie und ihr Bruder von ihren Eltern nicht richtig versorgt werden. Ihre Eltern behaupten jedoch, alles sei normal, bei anderen Familien sei es viel schlimmer.

Man denkt, die eigenen Eltern sind das Nonplusultra und so funktioniert die Welt.

Erst bei der zweiten Panikattacke bemerkt ihr behandelnder Arzt, dass etwas mit Annies Vater nicht ganz stimmt: Heute weiss Annie, dass ihr Vater betrunken mit ihrem Arzt telefonierte. Also trifft der Doktor die Entscheidung, Annie für weitere Untersuchungen in eine Klinik zu schicken.

Dort wird festgestellt, dass sie keine physischen Probleme hat. Sondern, dass ihre Probleme eher im psychischen Bereich zu finden sind. Nach drei Tagen wird Annie von ihrer Mutter zurückgeholt, denn Annie selbst will sich aus Angst vor der Behandlung nicht helfen lassen.

Misshandlung daheim, Mobbing in der Schule

Wegen Gesundheitsproblemen wird Annie in der Schule gemobbt. Homophobische Sprüche und Morddrohungen gehören an die Tagesordnung – eine Mitschülerin will sie sogar verprügeln. Das konstante Mobbing treibt Annie in eine Depression. Ihr Vater nimmt diese Situation überhaupt nicht ernst und meint: «Du bist gar nicht depressiv, du faule Schlampe!»

«Kinder haben keine Rechte», so Annies Vater. Dies widerspiegelt sich darin, dass er ihr Selbstbewusstsein erniedrigt, bis Annie daran zerbricht. Heute ist Annie bewusst, dass ihr Vater sie verbal und zum Teil gar physisch missbraucht hat.

Als mein Vater mehr Alkohol getrunken hat, auch tagsüber, ist er aggressiver geworden.

Toxische Beziehung

Ihre Lage verschlechtert sich noch mehr, als Annie mit einer Frau zusammenkommt, die sie im Internet trifft. Zuerst fühlt sie sich unterstützt und verstanden, denn ihre damalige Freundin hat selber eine psychische Störung.

Nach und nach wird ihre Freundin missbräuchlich und verstärkt Annies Gefühl, dass sie nichts wert sei.

Sie hat mein Selbstbewusstsein so kaputt gemacht, dass ich geglaubt habe, geisteskrank zu sein.

Alles, was sie bei ihrem Vater zuhause hört, wird von dieser Freundin bestätigt und betont. Die beiden vereinen sogar ihre Kräfte, um Annie zu erniedrigen. Ihr kaum existierendes Selbstwertgefühl bringt Annie fast zur Selbstaufgabe: Sie wird so gefühllos, dass sie sich in Situationen bringt, in denen sie zum Beispiel verprügelt wird – und ihr das komplett egal ist.

Ich war wie ein Zombie, wie eine lebendige Tote.

Ihr einziger Ausweg aus dieser toxischen Beziehung ist es, in die Klinik zurückzukehren. Doch das bringt nichts, denn Annie lässt sich auf die Therapie nicht ein.

Die Eingebung

Nach einer weiteren Eskalation mit ihrem Vater wird Annie bewusst, dass es so nicht weiter gehen kann. Sie nimmt einen zweiten Anlauf, um sich professionell helfen zu lassen. Während eines achtwöchigen Aufenthalts in der Klinik wird Annie endlich klar, dass das, was bei ihr zuhause abgeht, nicht normal ist. So beginnt Annie, alles zu hinterfragen, besonders ihre Identität.

Ich wusste nicht mehr, wer ich bin, was richtig oder falsch ist. Ich habe meinen kompletten Halt verloren.

Der Abstand vom Elternhaus tut Annie gut und sie spricht endlich darüber, dass ihr Vater alkoholkrank ist. Kontakt mit ihrem Vater hat sie heute kaum noch – was gut sei, meint Annie. Mit ihrer Mutter, die sich von ihrem Vater getrennt hat, hat Annie eine gute Beziehung und sie sehen sich alle paar Wochen.

Auf dem Weg zur Verbesserung

Annie wünscht sich, ihr psychisches Unwohlsein hinter sich zu lassen. Aber die Verdrängungsmechanismen scheinen sich über all die Jahre in ihrem Kopf zementiert zu haben.

Es wird mir ganz eng in der Brust und ich habe den Eindruck, zu ersticken.

Annie teilt ihre Erfahrungen auf Instagram, Link öffnet in einem neuen Fenster. Das Schreiben und Sharen hilft ihr bei der Verarbeitung: Annie entdeckt sogar, dass Menschen in ihrem Umfeld auch unter Depressionen oder anderen psychischen Störungen leiden.

Ich möchte ein Teil des Wandels sein, in dem sich Leute wohl fühlen, über ihre psychischen Probleme zu sprechen.

Ihr bester Ratschlag: Einfach darüber sprechen. Egal ob mit Lehrern, mit Psychologen, mit Bekannten oder mit jemandem, mit dem du dich einfach wohlfühlst.

Endlich den Zyklus brechen

Diese Wohlfühl-Person hat Annie auch gefunden: Sie ist mit ihrer jetzigen Freundin verlobt. Diese kennt bereits die Eigenheiten der Familie von Annie und weiss damit umzugehen. Im Juli wollen die beiden heiraten und eine Familie gründen. Obwohl ihre Eltern und sie selbst eine schlechte Kindheit hatten, will Annie dieses Muster nicht noch mal wiederholen. Vielmehr will sie diesen Zyklus brechen.

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

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