Rehmann Nathalie (21) ist asexuell: «Ich musste mich zum Sex zwingen»

Nathalie bezeichnet sich als asexuell. Das bedeutet, dass sie kein Bedürfnis nach Sex verspürt. Damit ist sie nicht alleine. In der Schweiz wird die Zahl geschlechtsreifer Menschen, die sich als asexuell definieren auf 85'000 geschätzt. Bei Robin Rehmann berichtet sie aus ihrem Leben.

Als Nathalie ungefähr 13 ist, bemerkt sie das erste Mal, dass sie anders tickt als ihre Altersgenossen. Während ihre Freundinnen für Boybands schwärmen und die Jungs Poster von halbnackten Frauen in ihre Zimmer hängen, kann sie das nicht nachvollziehen.

Mit 14 Jahren kommt sie mit ihrem damaligen Freund zusammen. Sex ist damals noch kein Thema: «Die ersten Jahre waren wir noch scheu. In dem Alter bist du noch eher der Kuschler.»

Eine Liebesbeziehung ohne Sex – geht das?

Als die beiden jedoch älter werden, wird auch das Thema Sex immer präsenter in ihrer Beziehung. Aus dem Gefühl heraus, jetzt doch einmal miteinander schlafen zu müssen, haben die beiden nach einem feuchtfröhlichen Abend zum ersten Mal Sex.

«Wie ‹das erste Mal› so ist, war es nicht besonders spektakulär.» Und obwohl ihr ihre Freunde sagen, dass der Spass daran mit der Zeit kommt, merkt Nathalie, dass sie keine Lust darauf hat.

Als ihr Freund dann immer mehr sexuelle Erfahrungen mit ihr machen will, fühlt sie sich immer bedrängter und ihr wird klar, dass sie ihm nicht zurückgeben kann, was er sich wünscht.

«  Ich musste mich richtig zwingen, sexuell aktiv zu werden. »
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S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 19-20 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

Mit 18 trennen sich die beiden (nicht wegen dem Sex) und Nathalie beginnt, sich intensiv damit auseinanderzusetzen, warum sie kein Interesse an Sex hat. Im Internet stösst die dann auf den Begriff «Asexualität». Zuerst möchte sie sich nicht eingestehen, dass auch sie asexuell sein könnte.

Asexuell ≠ asexuell

Es gibt asexuelle Menschen, die weder Nähe noch eine Beziehung noch Sex möchten. Das ist aber nicht bei allen so. Nathalie selbst zum Beispiel mag Nähe und hätte auch gerne eine Beziehung. So mag sie es sehr, zu kuscheln, jedoch fällt es ihr schwer mit jemandem im Bett zu liegen, der/die sexuelle Absichten haben könnte: «Ich gehe dann davon aus, dass die Person mehr möchte als einfach zu kuscheln.» Sex hingegen komme für sie nicht infrage. Sie spüre gegenüber anderen Personen überhaupt keine sexuelle Anziehung und auch wenn ihr jemand vom Äusseren her gefällt, kommt ihr Sex erst gar nicht in den Sinn.

«  Ich spüre überhaupt keine sexuelle Anziehung. Selbst wenn mir jemand gefällt, ist Sex das Letzte, was mir in den Sinn kommen würde. »

Auch wenn sie keinen Sex hat, fehlt es ihr an nichts. Was jedoch nicht automatisch heisst, dass sie gar keine sexuelle Erregung fühlt: «Manchmal meldet sich meine Libido, vor allem wenn ich meinen Eisprung habe. Dann befriedige ich mich auch selbst.» Wichtig ist für sie dabei, dass sie an andere Personen denken muss, denn wenn sie sich selbst in einem sexuellen Kontext bringen würde, würde die Lust verfliegen. «Aber wenn ich zum Beispiel Pornos schaue, spüre ich schon etwas», sagt sie.

«  Manchmal meldet sich meine Libido, vor allem wenn ich meinen Eisprung habe. Dann befriedige ich mich auch selbst. »

Aber auch hier sei wieder zu sagen, dass das nicht bei allen Asexuellen gleich ist. Manche tun es selber, andere nicht.

Nathalie hat zudem den Wunsch nach einer Beziehung und glaubt fest daran, einen passenden Deckel zu finden, denn «rund ein Prozent aller Menschen sind asexuell. Sprich, es kennt wohl jede/r jemanden, der/die asexuell ist.» Ansonsten würde sie sich auch auf eine offene Beziehung einlassen, in der sich ihr/e Partner/in ausserhalb sexuell austoben könnte. Bei der Partnersuche begleitet sie jedoch immer noch eine gewisses Unbehagen, sich falsch zu verhalten: «Natürlich habe ich Angst, mich zu outen. Ich könnte jemanden abschrecken und wenn ich nichts sage, dann könnte es im Nachhinein heissen, ich hätte ja von Anfang an sagen können, dass ich nicht an Sex interessiert bin.»

Darüber sprechen, nicht schweigen!

Obwohl es Nathalie zu Beginn schwerfiel über ihre Asexualität zu sprechen, konnte sie ihre Ängste mittlerweile voll und ganz überwinden und schämt sich nicht mehr dafür. Ausschlaggebend ist vor allem der rege Austausch mit anderen Asexuellen. Die Community in der Schweiz und Deutschland ist mittlerweile gross und daraus schöpft Nathalie.

Für die Zukunft wünsch sich Nathalie vor allem, dass sich mehr Menschen, gerade auch Männer, outen. Dafür muss sich jedoch zuerst das Bild des Mannes in der Gesellschaft ändern: «Männern wird von der Gesellschaft aufdiktiert, dass sie Sex lieben müssen. Deshalb denke ich, dass es viele Asexuelle gibt, die sich nicht trauen sich zu outen, weil sie dabei ihr Gesicht und ihre Männlichkeit verlieren könnten.»