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Rehmann Stephanie (35): «Koks und Alkohol dominierten mein Leben!»

Ein Leben gezeichnet von Schicksalsschlägen: Häusliche Gewalt, Selbstmordversuch, selbstverletzendes Verhalten, Vergewaltigung und Kokainsucht. Stephanie kämpft heute gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen.

Stephanie hat alles andere als eine einfache Kindheit: Ihre sehr junge Mutter befindet sich in der Ausbildung zur Krankenschwester. Da auch ihre Grosseltern berufstätig sind, kümmert sich vor allem die Urgrossmutter um das Mädchen. Die Überforderung der Mutter äussert sich in gewalttätigen Ausbrüchen. Die schwierige Beziehung zwischen ihrer Grossmutter und ihrer Mutter führt dazu, dass sich Stephanie als Unruhestifterin in der Familie fühlt, denn oftmals ist sie der Auslöser für Diskussionen und Streitigkeiten.

Ich hatte das Gefühl, ein Hindernis in meiner Familie zu sein.

Suizid als einziger Ausweg

Eines Abends spitzt sich die Lage zu: «Ich fühlte mich wirklich extrem schlecht. Ich habe mich für zwei Stunden im WC eingeschlossen und habe geweint. Nahm ein Blatt Papier und begann einen Abschiedsbrief zu schreiben. Ich habe mich für die durch mich verursachten Umstände entschuldigt.» Stephanie sieht nur noch einen Ausweg und stellt sich auf die Bahngleise. Im letzten Moment springt sie vor dem heranfahrenden Zug zur Seite.

Selbstverletzung und Alkohol

Kurz nach ihrem Suizidversuch folgt die nächste Erschütterung: Ihr Grossvater stirbt. Er ist Stephanies Hauptbezugsperson und der ruhige Pol in der Familie. Sein Tod wirkt sich auch negativ auf ihre schulischen Leistungen aus. Ihre Trauer ertränkt die noch Minderjährige mit Hochprozentigem und fängt an, sich zu ritzen.

Nur durch den Alkhohol und das Ritzen war es mir möglich Gefühle zuzulassen.

Sexueller Übergriff

Als Stephanie eines Abends auf dem Nachhauseweg ist, hört sie, wie jemand auf sie zurennt. Ein maskierter Mann packt sie und bedroht Stephanie mit einem Messer. Sie versucht, sich zu wehren, doch der Mann zieht sie in den Wald.

Nach dem sexuellen Übergriff muss sie zur Aids-Prophylaxe starke Medikamente einnehmen. Diese verursachen Schwindelanfälle und starke Müdigkeit. Wochenlang kann sie sich nicht von diesem Ereignis erholen. Trotzdem besteht Stephanie die Matura erfolgreich. Der Täter ist bis heute nicht gefasst.

Kokainsucht

Stephanie beginnt ihr Psychologiestudium. Doch sie sucht nach dem Extremen. Durch einen Freund kommt sie erstmals mit Kokain in Kontakt. Die Droge gibt ihr Energie und die positiven Gefühle holen sie aus ihrer depressiven Stimmung. Erst konsumiert sie nur gelegentlich, schliesslich treibt sie es selber auf. «Es war vor allem eine psychische Sucht.»

Wegen durchgemachten Nächten beginnt sie, Kokain auch im Alltag gegen die Müdigkeit auf der Arbeit zu nehmen. Während mehreren Monaten konsumiert sie täglich Kokain.

Borderline

Als Borderline-Syndrom wird eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Betroffene zeigen oft ein impulsives sowie selbstgefährdendes Verhalten. Dies kann sich beispielsweise in Drogenkonsum, Verspielen von Geld, schnellem Autofahren oder in einer Form von Selbstverletzung äussern.

Zusammenbruch

Im Drogenrausch ritzt sie sich immer tiefer. Schliesslich bricht alles über sie zusammen. Stephanie kämpft erneut mit Selbstmordgedanken.

Nachdem sie drei Tage lang beinahe ohne Schlaf unterwegs ist, kommt es zu körperlichen Symtomen: Stephanie hat Herz-Rhythmus-Störungen. Einen Abend zuvor verschüttet sie ihre letzte Dosis Kokain.

Ich habe mich auf den Boden gekniet, das Kokain vom Boden aufgekratzt. Plötzlich habe ich mich von aussen gesehen und gedacht: Schau mal wie armselig das aussieht. Willst du so sein?

Psychiatrische Behandlung

Schliesslich entscheidet sich Stephanie für eine Therapie in der Psychiatrie, die sie erfolgreich meistert. Heute kämpft sie gegen die Stigmatisierung psychischer Krankheiten wie Borderline. «Ein Leben mit einer psychischen Krankheit ist wahnsinnig anstrengend. Noch anstrengender ist es, diese zu verstecken.»

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 19-20 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Stefan Trasser (chiggifan)
    Eine wunderbare Sendung. Ich bin sehr beeindruckt von dieser Dame und freue mich enorm, dass sie trotz all dem Schweren so positiv geblieben ist und so stark ist, dass sie in so einer Sendung bestimmt vielen Menschen Hoffnung und Mut geben kann. Auf jeden Fall auch mir. Vielen Dank dafür! Auch das Format der Sendung spricht mich sehr an. Es hilft enorm, wenn man Geschichten und Hintergründe zu den Menschen hört, die einem umgeben. Empathie wird gefördert, man (ver)urteilt nicht mehr so schnell.
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