«Toni Erdmann»: Die verpasste Chance vom Cannes Filmfestival

Die Oscars sind zu weiss, in Cannes fehlen die Frauen - diese Themen beschäftigen zurzeit die Filmwelt. Dabei hätte man in Cannes mit «Toni Erdmann» der deutschen Regisseurin Maren Ade ein Zeichen setzen können. Der Film hätte es nämlich mehr als verdient, die goldene Palme abzustauben.

Vater-Tochter-Beziehung

Winfried lebt seit längerem schon getrennt von seiner Frau, die gemeinsame Tochter Ines jettet als erfolgreiche Unternehmensberaterin durch die ganze Welt. Die Treffen im Familienkreis sind jeweils kurz. Ines mit einem Ohr immer am Smartphone im Büro, mit dem Fuss eigentlich bereits im nächsten Flugzeug. Winfried vermisst seine Tochter.

Der pensionierte Lehrer entschliesst sich deshalb eines Tages kurzerhand seine Tochter in Bukarest zu besuchen. Ines ist perplex. Der Überraschungsbesuch ihres Vaters wirft sie komplett aus der Bahn. Doch auch die erzwungene Nähe lässt die beiden nicht zueinander finden. Winfried überlegt sich, was er machen könnte und hat eine zündende Idee: Toni Erdmann ist geboren - Life Coach oder auch deutscher Botschafter, was halt gerade passt. Jetzt muss sich Ines nicht mit Winfried, sondern mit Toni rumschlagen...

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Bildlegende: Winfried aka Toni Erdmann mit seiner Tochter Ines Filmcoopi

Die verpasste Chance

Die Oscars sind zu weiss, am Cannes Filmfestival fehlen die Frauen - das beschäftigt zurzeit die Filmwelt. Während es in der Film Academy einen langwierigen Mitglieder-Umbruch benötigen wird, hätte man zumindest in Cannes dieses Jahr ein Statement setzen können. Der Wettbewerbsfilm «Toni Erdmann» ist ein wuchtiger Film der deutschen Regisseurin Maren Ade. Er ist ein äusserst lustiges Werk, und Komödien kommen an Filmfestivals leider immer noch viel zu kurz.

In den Augen von Publikum und Kritikern hatte Maren Ade die goldene Palme schon so gut wie auf sicher. Doch es kam anders. Den wichtigsten Preis erhielt Altmeister Ken Loach für seinen Film «I, Daniel Blake» und «Toni Erdmann» ging bis auf den Preis der Filmkritiker leer aus.

Grosse Kunst

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Kinostart in der Schweiz

Toni Erdmann

Filmcoopi

«Toni Erdmann» kann man ab dem 21. Juli in Schweizer Kinos sehen.

Maren Ades Film hätte definitiv mehr Anerkennung verdient. Was die Regisseurin mit ihrer dritten Regiearbeit schafft, ist grosse Kunst. «Toni Erdmann» ist ein tiefgründiges und emotionales Drama, welches gleichzeitig auch extrem lustig ist. Maren Ade schafft es, einen fast dreistündigen Film über eine komplexe Beziehung zwischen Vater und Tochter unterhaltend und faszinierend zu gestalten. Die Zeit vergeht dabei wie im Fluge.

Der Twist der Veränderung von Winfried in sein Alter Ego Toni Erdmann, um wieder den Anschluss zu seiner Tochter zu finden, ist kongenial. Durch dieses Element schafft es der Film, der Beziehung zwischen Winfried und Ines eine weitere Ebene zu verleihen. Die daraus resultierende emotionale Entladung ist wuchtig und emotional und so trifft «Toni Erdmann» in gewissen Szenen mitten ins Herz.

«Toni Erdmann» ist ein Film zum Lachen und zum Weinen - ein absolut fantastisches Werk. Shame on you, liebes Cannes Filmfestival. 4.5 von 5 Punkten.