«AIM»: Das neue M.I.A.-Album macht die Flüchtlingskrise zum Thema

Auch auf ihrem fünften Album «AIM» wagt die britische Rapperin M.I.A. den Spagat zwischen musikalischer Rap-Weltenbummlerin mit sozialem Gewissen und globalem Pop-Superstar. Einmal mehr mit zweifelhaftem Ergebnis.

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Bildlegende: M.I.A.: «Es juckt mich was an meiner Augenbraue!» Official

Die schlechteste Nachricht zuerst: «AIM», das seit heute erhältliche fünfte Studioalbum von M.I.A., soll ihr letztes sein. Angeblich. Denn ob die britische Rapperin mit tamilischen Wurzeln ihre Drohung tatsächlich umsetzen wird, ist gar nicht mal so sicher. Schliesslich trägt M.I.A. ihr Herz auf der Zunge und neigt zu regelmässiger, ähm, Überreaktion.

So scheint die Rapperin eine jener Personen zu sein, die dir um 5 Uhr morgens mittels einer ausschliesslich in Grossbuchstaben geschriebenen WhatsApp-Nachricht die Freundschaft kündigen – während du vor deinem Handy sitzt und dich nicht daran erinnern kannst, was überhaupt vorgefallen ist.

Läuft etwas nämlich nicht nach M.I.A.s Vorstellungen, werden im Nu Mitmusiker, Freunde oder das eigene Label auf dem eigenen Twitter-Account öffentlich blossgestellt. (Hier findet man eine schöne Übersicht ihrer digitalen Aussetzer.)

Ein explosives Gemisch von Hip-Hop, Baile Funk und Worldbeat

Zumindest am Anfang ihrer Karriere hatte M.I.A.s impulsive Persönlichkeit nur positive Auswirkungen auf ihre Kunst: So sind ihre ersten beiden Studioalben «Arular» und «Kala» auch mit heutigen Ohren noch immer grossartig weltoffene Gesamtwerke, die erfolgreich zwischen Hip-Hop, Baile Funk, Worldbeat oder Grime hin- und herhüpfen.

Zudem landete M.I.A. mit einem der besten Songs dieser beiden Platten, «Paper Planes», einen Welthit, der ihr fortan sämtliche Tore und Türen der Musikwelt öffnete.

Irgendwann vor oder während den Aufnahmen ihres nächsten Albums verkrachte sich M.I.A. dann aber mit ihrem damaligen Freund, Co-Songwriter und Produzenten Diplo. Letzterer krönte sich seither mit seinem neuen Projekt Major Lazer zum derzeitigen König der Charts – während M.I.A.s musikalischer Output immer wie mehr hinterher hinkt.

Ein inkonsequentes und schizophrenes Album

«Borders», die Vorabsingle ihres neuste Albums, liess die Hoffnung aufkeimen, dass sich M.I.A.s Musik endlich wieder in die richtige Richtung bewegt. Leider enttäuscht das uns jetzt vorliegende Endergebnis. «AIM» ist ein schizophrenes Album, dem die nötige Konsequenz fehlt. Die Hype-up-Banger zu Beginn sind zu wenig catchy, die thematisch «deeperen» Songs unnötig überproduziert (Stichwort: Autotune) oder zu zahm.

«Foreign Friend» beispielsweise, eine in Jamaika aufgenommene Nummer, ist so cheesy, dass sie allerhöchstens im Abspann des nächsten «Fast & Furious»-Films funktionieren könnte. Und bei «Jump In» muss während den Aufnahmen höchstwahrscheinlich eine Katze über die Stadiotastatur gelaufen sein, so zerhäckselt klingt der Song.

Es gibt aber auch Lichtblicke: «Freedun», mit keinem Geringeren als Ex-One Direction Herzensbrecher ZAYN im Refrain, ist spitze. Und bei «Visa», dem mit Abstand besten Tracks des Albums, thematisiert M.I.A. über einen herrlich trockenen und unkomplizierten Beat die Flüchtlingskrise – und man fühlt sich für einen kurzen Augenblick an ihre ersten beiden Alben erinnert.

Die Flüchtlingskrise zum Thema

Die Flüchtlingskrise ist allgegenwärtig auf «AIM». Auf dem Track «Survivor» dokumentiert sie den Tag eines Flüchtlings und rappt «This war is never over / I ride through the sea like a pirate / Just to float in the water». Auch das Video zu «Borders» handelt von der Einwanderung über das Mittelmeer.

Textlich gesehen ist M.I.A. also nach wie vor «on point». Bleibt also nur zu hoffen, dass M.I.A. auf ihrem nächsten Album (sind wir ehrlich: sie wird von ihrer Ankündigung, dass «AIM» ihr letztes Album sein wird, eh bald zurückrudern) auch endlich mal wieder musikalisch überzeugen kann. 5 von 10 Punkten.