Der Staatsstreich von Bonez MC & Raf Camora

Bonez MC aus der 187 Strassenbande und West-Wien Koryphäe Raf Camora haben das Game geknackt. Der Schlüssel? Gangstarap mit Popstrukturen. Ihr gemeinsames Debut «Palmen aus Plastik» ist ein Genie-Move der Sonderklasse. Dancehall auf Deutsch - und es funktioniert. Orden haben sie verdient.

Raf Camora ist bei mir auf dem Schirm seit dem Tag, an dem er sich (2011) entschied das Battlerap-Ding mal zur Seite zu schieben, um ein wenig österreichischen Reggae-Pop zu machen. Roboter war monatelang meine Hypen-vor-dem-Klub-Hymne, fortan hörte ich mir jedes Album an, ob als Raf Camora (eher Rap) oder eben als melodielastigen Raf 3.0.

Vor der 187 Strannebande gab es in den letzten zwei Jahren kein Entkommen. Die Hamburg basierte Truppe um Chef Bonez MC hat mit ihrem geradlinigen, unglaublich authentischen und ebenso unglaublich asozialen Strassenrap mehr rasiert, als Kindergärtner während Kopflausepidemien. 2016 war auch ihr Jahr, ausverkaufte Touren, Klickzahlen und Follower on fleek.

Und dann geschah etwas wunderbares

Raf & Bonez bekamen Wind voneinander. Das klang dann ungefähr so «ey, ich bin voll Dancehall Bruder.» «Ich auch!» «Machen wir auf deinem (Raf ) Album 1 Track?» «Yes. Geschichte?»

Gut, das hat ja funktioniert. Ich stelle mir das Folgegespräch dann so vor: «Whagwan Digger - wollen wir nicht gleich Album machen?» «Lass machen.» Dank sei dem Leben, dass sie das getan haben. Was dabei herauskam, ist für mich ein Gamechanger. «Palmen aus Plastik», die Leadsingle des gleichnamigen Albums das im September erschien (und Gold ging), ist das perfekt Beispiel dafür, wieso dieses Produkt so gut funktioniert:

Raf bringt die Popstruktur - Bonez die Strasse. Natürlich hat Bonez auch geile Melodien, und natürlich ist Raf kein Heinz-Erich-Bravi. Aber unter dem Strich gehts um das: ich, als Gangstarapliebhaber, will doch gelegentlich auch tanzen, und Musik hören, bei der Frauen nicht ihre-Augen-auskratzend davonlaufen. Und genau das kann ich auf «Palmen aus Plastik». Themen um Gras, Nutten, Knarren, Autos geben mir dieses wohlige Gefühl, behind the scenes bei einem Actionfilm dabei zu sein - und die Dancehall- & Afrotrap-Beats machen das ganze tanz- und mitgrölbar. Also Pop hoch siebenhundert - aber eben ohne «schlechtes Gewissen».

1, eh, 2 krasse Produkt(e)

Auf dem Album hat es Hits. Leadsingle mal dahin, «Mörder» und «Ruhe nach dem Sturm», die als zweite und dritte Single folgten auch - mit «Ohne mein Team» war der Triumph in Stahl gefasst. Dancehall auf deutsch, und es funktioniert? War ja schon krass - aber dann noch Afrotrap auf deutsch? Holy f***.

Ok, so weit so gut. Die Message ist klar: das ist 1 krasses Produkt, und ich feier es auf den Tod. Mich macht es ja auch sehr glücklich, geben sie mit «Tannen aus Plastik» noch eine Weihnachts-CD raus. Aber die können ja nicht schon wieder so krasse Hits im Gepäck haben. Geht nicht. Zu wenig Zeit. Oder?

Nope. Die liefern am Fliessband - und können im Moment einfach nichts falsch machen. Mit «An ihnen vorbei» bestätigen sie meinen Eindruck: jede Single wird jedesmal wieder ein ungläubiges «WTF DUDE?? DER IST JA NOCH GEILER» in mir auslösen. Schmelz.