NAO: Ihr Debütalbum «For All We Know» hält dem Hype stand

Dank Gastauftritten auf Mura Masa-Songs wurde ich Insta-Fan von zwei Sängerinnen: Shura und NAO. Während mich Shura auf ihrem Soloalbum dann aber mit flachem 80er-Pop langweilte, weine ich dank NAOs Debütalbum «For All We Know» Glückstränen. Das ist Soul mit ganz ganz viel Fingerspitzengefühl!

Die besten und grössten Gesangskünstler und Popstars haben unverkennbare Stimmen. Dazu gehört beispielsweise alles, was in weniger als drei Sekunden erkannt wird. Die britische Soulsängerin NAO hat eine solche – und damit das Potential zur Weltdiva.

Soul mit viel Fingerspitzengefühl und hohem Suchtpotential

Die ehemalige Jazzstudentin, Ghostwriterin und Back-Up-Sängerin aus London setzt ihr Instrument auf ihrem soeben erschienenen Debutalbum «For All We Know» intelligent ein. Obschon sie selten aus ihrer catchy, fast puppenhaften Kopfstimme wegdriftet, setzt sie Timbre, Betonungsart und Flow derart geschickt ein, dass man sich von ihrem Album zu keinem Moment mehr Abwechslung wünscht.

Nao Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: All You Need Is Less? Really? Bei Naos Musik empfinden wir das Gegenteil: Mooooore! RCA

«For All We Know» schwebt zwischen Soul, Funk, Pop und Future R&B. Und wie alle Alben, die ich aktuell obsessiv durchhöre, lebt die Scheibe zu einem grossen Stück von den abwechslungsreichen und überraschenden Produktionen.

Zusammen mit Produzent GRADES hat NAO den Löwenanteil ihrer LP selbst produziert - und die beiden zeigen dabei extrem viel Fingerspitzengefühl.

Ein Song wie «Girlfriend» ballert sich direkt ins Herz. Zum einen wegen der an- und abschwellenden Produktion, die immer und immer wieder in elektronische Orgasmen ausbricht, zum anderen weil NAO einfach alle Hooks killt. Ihre Unsicherheit auf der eigenen Haut tragend singt sie Zeilen wie «If I was your girlfriend, could you love for two?» und diese kurze Pause, die sie zwischen «Your» und «Girlfriend» einlegt, hämmert den Eindruck und Inhalt des Liedes wie ein Brandmark ins emotionale Verständnis. Hohes Suchtpotential.

Ein Baba-Album ohne Schwächen

NAO und ihr Flow. Jesses! Auf «Inhale Exhale» droppt sie eine rauhe, badass-funky Basslinie, auf die sie sich in perfektem Unisono draufsetzt. Das groovt dir das Gesicht weg. (Irgendwie habe ich das Gefühl, dass NAO ganz viele Rapper flowtechnisch beerdigen würde, wenn sie sich denn dem Sprechgesang widmen würde.)

«Bad Blood» ist ein weiterer Hit auf einem Album, auf dem es mehr als schwer fällt, die offensichtlichen Singles und Hits rauszuhören. Trotzdem sticht der Song dank dem kranken, kranken Drop heraus. Und wer jetzt das Wort EDM hört und sofort panisch an Skrillex denkt: Keine Angst, «Bad Blood» ist trotz besagtem Drop ganz, ganz langsamer, schleppender Synth-Funk-Pop und gleichzeitig die lyrische Bewältigung einer missratenen Beziehung. Fantastisch.

Textlich taucht NAO oft in Referenzen und Zitate aus Popsongs der 80er und 90er ein. Liebe und Wut, direkt und ohne grossartige Metaphern oder Bilder. Eigentlich könnte man annehmen, dass die Musik so plump wirken könnte, aber NAOs - ich wiederhole mich - sehr intelligente Produktionen, sowie die Eigenheiten ihrer Stimme und ihres Flows verleihen den einfachen Worten masslos Ausdruck und Kraft.

Ein Baba-Album. Finde gerade keine Schwächen daran.