Was tun gegen Trennungsschmerz?

Nach über viereinhalb Jahren Funkstille erscheint am Freitag endlich ein neues Album der grossartigen New Yorker Indie-/Alternative-R&B-Band Dirty Projectors. «Dirty Projectors» ist eine hervorragende Platte – mit den früheren Werken der Band hat das Album aber nicht viel zu tun.

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Mit ihren letzten drei Alben, allen voran «Bitte Orca» aus dem Jahr 2009, sicherte sich die New Yorker Band Dirty Projectors einen Platz an der Schnittstelle zwischen «klassischem» Indie Rock und Alternative-R&B.

Der Übersong «Stillness Is the Move» war das Fundament, auf welchem Künstler wie FKA twigs oder Bon Iver in den letzten Jahren ganze Paläste bauen konnten.

Dabei stets im Mittelpunkt: der wunderschöne Gesang der drei Sängerinnen und das abwechslungsreiche Songwriting von Bandleader David Longstreth. Longstreth veröffentlicht unter dem Namen Dirty Projectors schon seit 2002 Musik, eine «richtige» Band sind die Dirty Projectors aber erst seit 2007.

Jetzt ist alles vorbei.

Dave Longstreth und Hauptsängerin Amber Coffman, die privat ein Paar waren, haben sich getrennt. Coffman und die anderen beiden Sängerinnen haben die Band verlassen, die Dirty Projectors sind zu einem Ein-Mann-Projekt zurückgeschrumpft.

Das am Freitag erscheinende siebte Album «Dirty Projectors» hat Longstreth mit einer Gruppe von aussenstehenden Musikern aufgenommen, die in der Vergangenheit nicht Teil der Band waren.

Neid und Missgunst innerhalb der Band?

Kennengelernt haben sich Longstreth und Coffman 2007 an einem Konzert im New Yorker Bowery Ballroom. Nach dem Gig haben sie sich zum ersten Mal geküsst – und das, obwohl sie beide in einer Beziehung waren. Diese Informationen haben wir übrigens nicht via Gossip-Webseiten zusammentragen – nein, Longstreth singt auf dem Track «Up In Hudson» über genau diese Gegebenheiten.

Auf diesem Lied lässt Longstreth nämlich die ganze Beziehung in mühevoller Kleinstarbeit Revue passieren. Wie und wo sie angefangen hat («We talked for like two minutes / But I had a feeling») und warum sie wieder zu Ende gegangen ist («Now we're going our separate ways (...) You'll go forward and I'll stay the same»).

Dirty Projectors Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dave Longstreth Sieht in der Tat traurig aus Domino Records

Nun, Trennungssongs – oder ganze Trennungsalben – sind nichts Neues. Meistens stützen sich Künstler aber auf vage Metaphern («Das Blatt ist vom Baum gefallen!», «Die Sonne ist untergegangen!» etc.). So viel Klartext wie auf «Dirty Projectors» wird eher selten gesprochen.

Und genau wegen diesen unbeschönigten und nüchternen Lyrics, die sich durch das ganze Album ziehen, verfällt man als Zuhörer in eine Art sonderbaren Voyeurismus. Stellenweise ist es schon fast unangenehm, wie viele Details man erfährt – und genau darum erreicht «Dirty Projectors» auch eine Intimität, wie man sie von kaum einem anderen Album dieser Art kennt. Fast so, wie wenn man das Tagebuch einer fremden Person in die Finger bekommt. Irgendwie spannend, irgendwie fühlt man sich aber auch schmutzig, wenn man weiter liest.

Jetzt kann man sagen: Schön, endlich redet mal jemand nicht um den heissen Brei herum, sondern taucht mitten in den Brei hinein! Gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage, ob Longstreth diese Drei-Tage-nach-der-Trennung-Facebook-Post-Lyrics nicht irgendwann bereuen wird. Facebook-Posts kann man löschen, Songs nicht.

Kurzer Ausflug in die Theorie-Ecke: Ist die Beziehung der beiden wohl daran zerbrochen, weil Longstreth neidisch auf seine Freundin war? Coffman trat immer wie öfters bei anderen Künstlern – u. a. Major Lazer, J. Cole und The Roots – als Gastsängerin in Erscheinung. In «Keep Your Name» singt Longstreth «What I want from art is truth, what you want is fame». Darüber darf man jetzt denken, was man will.

Lang lebe Autotune

«Schön, dass es ihm dank diesem Album wieder besser geht und er die Trennung so besser verarbeiten kann», könnte man sich jetzt denken, «aber will ich mir wirklich 50 Minuten lang das Geheule eines Jammeris antun?»

Entwarnung: Trotz herzzerreissendem Inhalt ist «Dirty Projectors» gottseidank keine Jammerparade geworden.

Amber Coffman Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicht mehr dabei: Amber Coffman Columbia

Nirgendwo funktioniert das besser wie bei «Cool Your Heart», dem besten Song des Albums. Auf diesem Track setzt Longstreth all das um, was er während der Bandpause auch anderen Künstlern zur Verfügung stellte (Longstreth schrieb u. a. den Rihanna- & Kanye West-Hit «FourFiveSeconds» und war am letzten #1-Album von Beyoncé-Schwester Solange massgeblich beteiligt).

Auf die Gitarre, lange sein Hauptinstrument, müssen wir auf diesem Album zwar fast gänzlich verzichten, dafür setzt Longstreth auf haufenweise bezaubernde Stimmexperimente. Dazu gehört auch der ansonsten viel verhöhnte Autotune-Effekt, der bestens zu Longstreths Stimme passt.

«Dirty Projectors» ist ein Album, das so nur 2017 erscheinen kann. Eine vorwärtsdenkende Verschmelzung von Gitarrenmusik und R&B, losgelöst von sämtlichen Fesseln (Soll jetzt niemand mit «Dasch jez aber kei Indie!!» kommen). Und ein bisschen Trauern hat ja eh noch niemandem geschadet.

PS: Amber Coffman hat sich zu dem Album bislang nicht geäussert. Noch dieses Jahr soll jedoch ein Soloalbum von ihr erscheinen. Co-Autor ihrer ersten Solosingle «All to Myself»? Dave Longstreth.