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DOK Putin-Hype und Ukrainekrise – wie Schweizer ihre Wahlheimat sehen

Dokumentarfilmerin Helen Stehli Pfister hegt eine grosse Liebe für Russland. Sie studierte russisch in Leningrad und zahlreiche ihrer Filme führten sie in dieses Land. Die Journalistin über die allgegenwärtige Bewunderung für Putin und das Leben in Russland angesichts der Ukrainekrise.

Legende: Video Leben in Putins Reich – Zwei Schweizer in fremder Heimat abspielen. Laufzeit 50:00 Minuten.
Aus DOK vom 11.12.2014.

Als ich 2005 erfuhr, dass drei Schweizer Bauern einen verlotterten, staatlichen Milchwirtschaftsbetrieb in Russland gekauft hatten und versuchten in der russischen Provinz eine neue Existenz aufzubauen, konnte ich das kaum glauben. Ich hatte allergrössten Respekt vor diesem Unterfangen und beschloss, einen «DOK» Film über die drei unerschrockenen Auswanderer zu realisieren. Der Film hat seither unzählige Schweizerinnen und Schweizer auf den Betrieb «Schweizer Milch» in die Region Kaluga, 200 Kilometer südlich von Moskau reisen lassen.

Legende: Video Fortsetzung folgt: Jakob, Sepp und Hans im Glück - Schweizer Bauern in abspielen. Laufzeit 43:00 Minuten.
Aus DOK vom 13.03.2009.

Nicht alle fanden ihr Glück

Mich beeindruckte deshalb die Energie, mit der die drei Pioniere all dies auf sich nahmen, um in Russland zu erleben, was ihnen in der geordneten kleinen Schweiz fehlte: Täglich neue Herausforderungen, unendliche Weite, unendliche Möglichkeiten und etwas Abenteuer. Doch es blieb ein kurzer Traum, den sie zu dritt träumten. Wir haben 2009 in der Sendung «Fortsetzung folgt» aufgezeigt, dass Sepp Lussi und Jakob Bänninger den Hof 2008 verliessen, wogegen Hans Michel beschloss, in Russland zu bleiben. Inzwischen ist er Direktor des Betriebs und hat eine Familie gegründet.

Bewunderung für Putin allgegenwärtig

Im Sommer 2014 traf ich den Auslandschweizer zusammen mit seiner russischen Frau Julia, ihrer Tochter Nastja und dem kleinen gemeinsamen Sohn Johann in Bern. Die Familie machte in Michels Haus im Berner Oberland Ferien. Zu diesem Zeitpunkt war die Ukrainekrise voll im Gange. Kurz zuvor hatte mich eine russische Freundin aus Nischni Nowgorod besucht, es war ein Abend, der mich erschütterte und ratlos zurück liess. Sie war derart voller Bewunderung für Putins Politik und sah im Westen ausschliesslich den Aggressor, so dass keine ausgewogene Diskussion möglich war.

Die Frage, wie es zu dieser in Russland so verbreiteten Überzeugung kam, weshalb Putins Popularitätswerte laut neuen Umfragen mit über 80 Prozent so hoch sind wie nie zuvor, beschäftigte mich. Nach dem Treffen mit Hans Michel und seiner Familie war ich überzeugt, dass unsere alte Bekanntschaft eine grosse Chance war. Mit ihnen würden wir filmisch ins russische Leben eindringen können und sehen, wo Michels heute stehen, was die Menschen in ihrer Umgebung denken und was sie bewegt .

Legende: Video Wohnträume der Oligarchen abspielen. Laufzeit 1:42 Minuten.
Vom 11.12.2014.

Blick auf die Oligarchen

Und dann war da noch der Freund und Nachbar von Hans Michel, der Schreinermeister Jörg Duss. Mit ihm hoffte ich, Zugang zum reichsten Moskauer-Milieu zu bekommen. Der kreative Luzerner lebt schon seit 18 Jahren in Russland, ist für die Superreichen tätig, kümmert sich aber auch mit einer Schweizer Stiftung im Gebiet Kaluga um die Bedürftigen. Nachdem ich auch ihn und seine Freundin Natalija während ihrer Sommerferien in der Schweiz kennengelernt hatte und sie sich bereit erklärten mitzumachen, war die Bahn frei für diesen Film .

Mit dem Verstand kann man Russland nicht erfassen, nur glauben kann man an das Land.
Autor: Fjodor TjuttschewRussischer Dichter

Vorgefasste Meinung gerät durcheinander

Bei den Dreharbeiten wurden wir nicht nur physisch im stundenlangen Moskauer Stau weich geklopft und auf holprigen Wegen durchgeschüttelt. Auch meine vorgefassten Meinungen gerieten etwas durcheinander. Nicht meine Skepsis gegenüber Putins Machtpolitik, sie ist geblieben. Doch die russische Sicht der Ukrainekrise und die Bewunderung von Präsident Putin sind nicht nur von der Propaganda am Staatsfernsehen, sondern auch von der russischen Geschichte beeinflusst. Zudem wurde mir klar, dass auch meine Sicht und der grösste Teil unserer Berichterstattung geprägt sind von unseren eigenen, westlichen Werten und Interessen.

1866 schrieb der Dichter Tjuttschew seine berühmten Zeilen: «Mit dem Verstand kann man Russland nicht erfassen, nur glauben kann man an das Land». Auch wenn dies zur Zeit vielen schwerfällt – Hans Michel und Jörg Duss sind damit in all den Jahren in ihrer fremden Heimat gut gefahren.

Legende: Video «Jakob, Sepp und Hans im Glück» (2005) abspielen. Laufzeit 52:00 Minuten.
Vom 29.09.2005.

Zur Autorin

Zur Autorin

Helen Stehli Pfister ist freischaffende Dokumentarfilmerin. Sie war viele Jahre stv. «DOK»-Redaktionsleiterin und hat daneben zahlreiche eigene «DOK»-Filme realisiert.

42 Kommentare

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  • Kommentar von Alfred Josi, Frutigen
    Vieles in Dieser Region von Russland, auch die Leute sind den Ukrainern sehr ähnlich. Die Probleme wie auch die Chancen die vorhanden sind. Ein Unterschied Sehe ich darin dass die meisten Ukrainer nicht mehr einem Autokraten zujubeln, der sich wenig um das Schicksal der unteren sozialen Schichten kümmert.
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  • Kommentar von Harald Buchmann, Peking, China
    Toll dass SRF sich traut, so einen Film zu zeigen zwischen aller Hirnwäsche in Westeuropa! "Internationales Recht", als die USA dieses 2001 im Irak brachen war es kaum eine Schlagzeile wert, geschweige denn Sanktionen. Bei Russland hingegen macht man ein grosses Theater drum. Reine Machtpolitik: die USA schädigen mit den Sanktionen zugleich Europa und Russland, zwei auf einen Streich sozusagen. Wie Gorbatschov sagte: wenn man schaut wie gross NATO heute ist, dann ist klar wer expandsiv ist.
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    1. Antwort von Kamen, Sofia/Bulgarien
      Sehr ehrliche und gute Doku! Das Putin ein kalter Machtpolitiker ist, ist richtig (U-Boot "Kursk" Tragödie - Putin in Urlaub!). Aber auch wenn Obama symphatischer ist, so ist die imperiale Achse von angelsächsischer Prägung(von Murdok, Berlosconi,... bis Buffet und Ggl@Co) weitaus schrecklicher. Peter Scholl-Latour nach seinem Tod Aug. 2014 "Der Fluch der bösen Tat", wie auch "Russland im Zangengriff" 2012 erklären uns vieles besser.
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    2. Antwort von Mineli, Zürich
      Die USA hat nur eines im Sinn, die EU und Russland kaputt zu machen. Denn diese passen doch gar nicht in ihre NWO. Deutschland ist ja immer noch unter der USA Besatzung und darum haben sie leider auch noch die vielen USA-Stützpunkte. Und wenn man hört und sieht, dass von Ramstein aus Drohnenkriege geführt werden, dass ist wohl alles klar. http://www.welt.de/politik/ausland/article141435446/Angehoerige-von-Drohnenopfern-verklagen-Deutschland.html
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  • Kommentar von Toni Lutz, 9402 Mörschwil
    Gratuliere, endlich eine Reportage die nicht die sonst übliche, bereits vorgefasste Meinung des Journalisten dem Publikum "nahebringen" will. Endlich zeigen Sie Frau Stehlin Pfister dass die Russen und Russland nicht der "Böse Feind" im Osten sind. Die Aussagen zur Ukraine zeigen ganz klar das unsere sogenannten "freien Medien" oft nur das berichten, was ihnen in die bereits vorgefasste Meinung passt. Bei Ihnen war das zum Glück nicht so. Danke!
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