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Schweizerin in Mexiko «In Mexiko sind offizell mehr als 130'000 Menschen verschwunden»

Die Schweizerin Tanja Vultier lebt und arbeitet seit 6 Jahren in Mexiko für ein Friedensförderungsprogramm, welches Angehörige von verschwundenen Menschen unterstützt. 

Viele dieser Verbrechen geschehen im Kontext organisierter Kriminalität. Vor 3 Monaten wurde der Chef des Jalisco-Drogenkartells «El Mencho» von der Regierung getötet, danach erschütterten Gewaltausbrüche verschiedene Regionen Mexikos.

Zur Person

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Portrait der Bernerin Tanja Vultier in Mexiko vor einem bunten Hintergrund.
Legende: SRF

Die Bernerin Tanja Vultier ist eine der Protagonistinnen der neuen DOK-Serie «Abenteuer Mexiko».

Sie lebt und arbeitet seit mehr als 15 Jahren in Lateinamerika im Menschenrechts- und Friedensbereich und seit sechs Jahren für die deutsche NGO «Brot für die Welt» in Mexiko.

In dieser Funktion unterstützt sie lokale Organisationen, die Angehörige bei der Suche nach Verschwundenen unterstützt.

In Mexiko verschwinden jedes Jahr zehntausende Menschen, zahlreiche Fälle stehen im Umfeld organisierter Kriminalität. Die Mehrheit der Fälle bleibt unaufgeklärt.

SRF: Hat sich die Situation in Mexiko wieder beruhigt?  

Tanja Vultier: Die Polizei- und Militärpräsenz wurde massiv hochgefahren und Sicherheitsminister Omar Garcia Harfuch sagt, man hätte die Situation im Griff. Zumindest äusserlich ist es mancherorts ruhiger, aber die alltägliche Gewalt geht natürlich weiter, es verschwinden weiterhin Menschen und werden ermordet.  

Heisst das, die Karten in oder unter den Kartellen sind schon wieder neu verteilt?  

Die beiden grössten Kartelle sind das Jalisco- und das Sinaloa-Kartell. Man sagt, El Mencho hätte sein Kartell strukturell auf diese Situation vorbereitet. Das Jalisco-Kartell ist weniger hierarchisch und militärisch aufgestellt als das Sinaloa-Kartell, mehr nach einem Franchise-Modell mit einem Netzwerk aus verschiedenen Allianzen, dadurch ist es auch stabiler. Unklar ist im Moment, ob sein Stiefsohn Valencia Gonzales die Führung bereits übernommen hat.

Und das Sinaloa-Kartell nutzt diese Unklarheit nicht aus?  

Rivalitäten gab und gibt es vor allem wegen der Transportwege und der Häfen am Atlantik. Sowohl das Sinaloa-Kartell als auch das CJNG handeln mit synthetischen Drogen, Methamphetamin, Fentanyl und Kokain. Konkurrenz und Überschneidungen sind also gross.

Wird Fentanyl in Mexiko hergestellt oder kommt es auch aus Südamerika?  

Das wird vor allem in Mexiko hergestellt. Die Chemikalien, die es dazu braucht, kommen allerdings hauptsächlich aus China. Aber mittlerweile greift es zu kurz, nur von «Drogenkartellen» zu sprechen. Der Drogenhandel macht nur noch etwa 50 Prozent aus. Schmuggel von Migrantinnen und Migranten in die USA ist sehr wichtig, Erpressungen, Schutzzölle, oder auch Infrastrukturprojekte. Mit Blick auf die WM gibt es Hinweise darauf, dass kriminelle Netzwerke auch von grossen Bauprojekten, dem Immobilienmarkt oder ausbeuterischen Formen des Sexhandels profitieren.

Präsidentin Claudia Sheinbaum hat angekündigt, dass sie aktiver gegen die Kartelle vorgeht. Ist das spürbar?  

Sie setzt weiterhin auf Sozialprogramme, damit die Leute nicht so verführbar sind, für die Kartelle zu arbeiten, aber sie hat auch die Nationalgarde und das Militär gestärkt. In den ersten sechs Monaten hat man offenbar 140.5 Tonnen Drogen konfisziert und über 750 Meth-Labore zerschlagen. Doch manchmal wirkt es ein bisschen wie Symptombekämpfung, denn die Geschäfte laufen natürlich weiter und Leute verschwinden nach wie vor und es bleibt die Kritik, dass strukturelle Probleme wie Straflosigkeit und Korruption damit nicht gelöst sind. Angehörige von Vermissten berichten immer wieder, dass Suche und Identifizierung nicht die Priorität erhalten, die nötig wäre.  

Was bedeutet die jetzige Situation für die Angehörigen von Verschwundenen?   

Für viele Betroffene bleibt die Lage dramatisch. In Mexiko sind offiziell mehr als 130'000 Menschen verschwunden oder nicht lokalisiert, und es gibt zudem rund 72'000 nicht identifizierte menschliche Überreste. Das zeigt, wie tief die Krise ist.  

SRF 1, 22.5.2026, 21:00 Uhr

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