«6 Monate statt 6 Wochen im Spital: Das ist schlimm genug»

Krank aus dem Krankenhaus? Patienten fürchten, sich mit Bakterien zu infizieren, die resistent gegen Antibiotika sind. Der Bundesrat hat im November Gegenmassnahmen beschlossen. Sind Ängste berechtigt? Noch nicht, meint Experte Andreas Widmer vom Unispital Basel – doch Handeln ist nötig.

Ein Krankenhauspatient mit Kittel und Mundschutz hinter einer Sicherheitstür, die ihn von anderen Menschen isoliert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Tortur für Betroffene: Dieser Patient im Unfallkrankenhaus Berlin trägt einen Erreger, der gegen Antibiotika resistent ist. Folge: Isolation. Reuters

Antibiotika-Resistenzen machen Spitälern in aller Welt zu schaffen. Immer häufiger sprechen mutierte Bakterien nicht mehr auf Antibiotika an, die ihnen früher den Garaus gemacht haben – ein Wettlauf zwischen Medizinern und Erregern. Beispiele für solche Bakterien sind sogenannte MRSA-Stämme, die teils multi-resistent sind: Mehrere Antibiotika-Arten können ihnen nichts mehr anhaben.

Zudem droht das Arsenal an Abwehrwaffen auszudünnen. Neue Antibiotika, die als Alternative eingesetzt werden könnten, wurden in den letzten Jahren kaum noch entwickelt. Um Resistenzen künftig einzudämmen, hat der Bundesrat die «Strategie Antibiotikaresistenzen» verabschiedet.

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Zur Person:

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PD

Andreas Widmer, Jahrgang 1956, forscht seit Jahren auf dem Gebiet von Antibiotika-Resistenzen und leitet die Abteilung für Spitalhygiene am Unispital Basel. Zu seiner Arbeitsgruppe gehört neben Forschern und Ärztinnen auch ein Team von Fachleuten, die als Berater für Infektionsprävention in der Praxis tätig sind.

SRF: Herr Widmer, Infektionen mit resistenten Keimen gehen laut Schätzungen in die Zehntausende pro Jahr – wie ist aus Ihrer Sicht der aktuelle Stand in der Schweiz?

Andreas Widmer: Genaue Schätzungen, basierend auf soliden Daten, haben wir aus Deutschland. Dort gibt es zeitweise über 600 Todesfälle pro Jahr, die direkt mit dieser Multiresistenz von Krankheitserregern zusammenhängen. In der Schweiz gibt es derartige Daten noch nicht.

Ein Ansatz, dass Problem zu bekämpfen, sind strengere Hygienemassnahmen, die in Spitälern umgesetzt werden – wie ist die Schweiz da aufgestellt?

Die Schweiz ist grundsätzlich gut aufgestellt. Das Problem ist aber, dass wir mit unserem kantonalen System immer noch viele verschiedene Ansätze haben. Und da braucht es mit dem neuen Epidemiegesetz, das seit Anfang 2016 in Kraft ist, eine Harmonisierung. Damit der Bund grössere Kompetenzen kriegt und diese lokalen Unterschiede etwas ausgedünnt werden.

Wie gross sind denn die Unterschiede zwischen den Landesteilen der Schweiz?

Im französischsprachigen Raum haben wir doppelt bis dreifach so viele Resistenzen wie in der Deutschschweiz. Die Gründe kennen wir nicht, aber die Nähe zu Frankreich und der höhere Verbrauch von Antibiotika dort sind Risikofaktoren.

Eine aktuelle Studie hat festgestellt: Die Wahrscheinlichkeit, dass resistente Keime im Krankenzimmer von einem Patienten, der das Zimmer verlässt, sogar auf den nachfolgenden übertragen werden, liegt bei 5 bis 10 Prozent…

Das waren Untersuchungen in den USA. Da hat man gesehen, dass man die «Politik» der Reinigung und Desinfektionsmittel in den letzten Jahren vernachlässigt hat – wir hatten ja immer genügend Antibiotika, auch für resistente Erreger. Es gab enorme Sparprogramme; man hat den Aufwand für Hygiene in vielen Spitälern ‹outgesourct›, wie man so sagt. Und jetzt muss man wieder zurückbuchstabieren, weil man gesehen hat, dass die Spitalumgebung für die Übertragung von resistenten Erregern wichtiger ist als angenommen.

Eine Pflegerin im Spital wäscht sich gründlich die Hände. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Reinlichkeit als Lebensretter: Im Umgang mit resistenten Bakterien gelten heute scharfe Hygieneregeln. Reuters

Was tun?

Der Augenschein genügt in einigen Bereichen nicht. Bei uns kontrollieren wir mit einem Stift mit ultravioletter Flüssigkeit – unsichtbar fürs Auge. Wenn eine Markierung damit nach der Reinigung unter UV-Licht noch zu sehen ist, ist etwas schiefgegangen. Zudem haben wir ein Gerät gekauft, das die Räume nicht nur desinfiziert, sondern komplett sterilisiert, wie sonst bei Hochsicherheitslabors, etwa für Anthrax- oder Ebola-Erreger. Das ist sehr aufwändig; deshalb werden wir noch ein UV-Gerät anschaffen, dass Keime einfacher und schneller abtötet.

Resistente Keime sind mittlerweile allgegenwärtig – auch in Gewässern und Kläranlagen, wie Studien zeigten. Wahre Brutstätten für Resistenzen, oder?

Ja, nur ist die Resistenz an sich natürlich ein Millionen Jahre altes Phänomen. Und wir hatten bisher immer neue Antibiotika entwickelt, um einen Schritt voraus zu sein. Aber seit 15 bis 20 Jahren lohnt sich das für Pharmahersteller nicht mehr. Und jetzt werden wir von der Entwicklung fast schon plangemäss überrollt.

Schon wird vorgeschlagen, Firmen Prämien dafür zu zahlen, dass sie neue Antibiotika finden und produzieren. Und in den USA hat die Regierung schon Millionensummen ausgelobt. Wie sieht es da am Pharmastandort Schweiz aus?

Die Entwicklung von neuen Antibiotika ist auch bei uns im besten Fall ein Nullsummenspiel für Unternehmen. In der Regel fahren sie grosse Verluste ein. Und die Schweiz ist letztlich zu klein, um Staatsförderung für solche Neuentwicklungen zu betreiben. Man sollte aber sicher dazu beitragen, die Forschung der Industrie voranzutreiben und zu erleichtern.

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Die Pläne des Bundesrats

Die «Strategie Antibiotikaresistenzen» soll dafür sorgen, dass diese Medikamente wirksam bleiben. Neben genauerer Erfassung der Resistenzen und des Verbrauchs sollen Ärzte und Patienten angehalten werden, die vorhandenen Wirkstoffe sinnvoll und effizienter einzusetzen. Auch Landwirtschaft und Tierzucht sind im Visier der Politik.

Seit Jahren werden Massnahmen diskutiert. Im vergangenen November hat der Bundesrat die «Strategie Antibiotikaresistenzen» verabschiedet. Kommen diese Bemühungen nicht zu spät?

Wir hoffen natürlich, nicht. Sie kommen spät – aber ich denke, wir haben in der Schweiz noch eine relativ gute Situation. Doch die verbreitete Reisetätigkeit führt dazu, dass sich die gesamte Lage bei den Resistenzen schnell und dauernd verändert. Auch die globale Erwärmung ist ein Faktor.

Wie zum Beispiel konkret?

Bestimmte Erkrankungen sind davon abhängig, wie Mücken Erreger verbreiten. Die Asiatische Tigermücke zum Beispiel, die auch das Dengue-Fieber überträgt. Diese Plage dringt immer weiter nach Norden; auf diese Weise kommen auch neue Krankheiten zu uns, die man früher gar nicht kannte. Und weil die starken Winter fehlen, werden solche Überträger nicht mehr ausgelöscht.

Selbst wenn man rigoros vorgehen würde und die geplanten Massnahmen des Bundes Wirkung zeigen: Wie schätzen Sie die künftige Situation ein?

Wenn es wirklich gelingt, diese Massnahmen zeitgerecht umzusetzen, dann sehe ich sehr optimistisch in die Zukunft. Das würde aber auch die Tier- und Fleischindustrie fordern: Dort sieht man tatsächlich, dass die Resistenzentwicklung immer noch fortschreitet.

Auch durch den starken Einsatz von Antibiotika…

Das ist sicher ein grosser Teil des Problems, mit dem sich die Veterinäre befassen müssen. Es kann ja nicht sein, dass sich in Pouletproben in bis zu 90 Prozent der Fälle multiresistente Erreger finden! Dieses Thema müssen Tiermediziner, aber auch die Landwirte und Konsumenten angehen.

Eine Mitarbeiterin eines Labors schaut auf eine Probe mit Bakterienkulturen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Multiresistent? Aufwändige Labortests identifizieren jene Erreger, die gleich gegen mehrere Antibiotika immun sind. Reuters

Und wenn Politik, Spitäler und Pharmahersteller nicht genug tun: Wie sähe ein realistisches Negativ-Szenario aus?

Also, wenn man nichts oder zu wenig tut, werden sich die eingeschleppten Keime in den Krankenhäusern verbreiten. Wir haben jetzt zwei Beispiele am Unispital Basel, wo Patienten mit multiresistenten Erregern eingeliefert wurden. Und statt einer sechswöchigen Therapie ist einer jetzt sechs Monate im Spital, inklusive Rehabilitation, weil die Infektion nur langsam heilt.

Immerhin, eine Heilung…

6 Monate statt 6 Wochen im Spital: Das ist schlimm genug. Todesfälle kämen erst in einer zweiten Phase. In der ersten Phase würden einfachste Infektionen wesentlich komplizierter. Und zum Teil chronisch; das würde natürlich auch die Arbeitsfähigkeit unserer Bevölkerung einschränken.

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