Ein Anfängerfoto schreibt Fliegerei-Geschichte

Der 17. Dezember 1903 gilt als Geburtstag des Flugzeitalters. Während die Brüder Wilbur und Orville Wright ihren Doppeldecker für den Start vorbereiteten, stand ein junger Mann im Hintergrund bereit – für eine Aufnahme, die heute zu den Ikonen der Technikgeschichte zählt. Teil 9 unserer Serie.

Das Foto vom ersten Start des motoriersieren und bemannen Wright-Flyers. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 17. Dezember 1903, 10:35 Uhr: Orville Wright hebt ab. Imago

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Der erste bemannte Motorflug?

Neben den Wright-Brüdern arbeiteten Ingenieure in aller Welt intensiv daran, den Menschheitstraum vom Fliegen zu verwirklichen. Ob Wilbur und Orville Wright tatsächlich die Ersten waren, ist bis heute umstritten. Andere Kandidaten haben ihre Versuche jedoch nicht dokumentiert. Die technischen Pionierleistungen der Wrights sind freilich unstrittig.

Es ist ein kühler Donnerstag beim Städtchen Kitty Hawk auf einem schmalen Inselstreifen, der North Carolina vom Atlantik trennt, als John T. Daniels zum bekanntesten Fotografen wird, der keiner ist.

Nicht, dass der 30-jährige Mann von der Küstenwache dieses Strandabschnitts noch nie einen Auslöser betätigt hätte – nein, er hat bis heute überhaupt noch keine Kamera gesehen, als er auf dem feuchten Sand Position bezieht.

Wird er im richtigen Moment den Verschluss öffnen? So, wie Orville Wright es ihm erklärt hat, um einen Bildbeweis für den ersten Motorflug zu haben? Der Wind weht frisch, bis 40 Stundenkilometer, von Norden her. Genug Auftrieb zum Abheben, hoffen die Brüder Wilbur und Orville.

10:35 Uhr, erster Startversuch: Der Vierzylinder-Motor brummt, lässt die beiden Propeller surren. Davor liegt Orville auf der unteren Tragfläche, bäuchlings als Luftschiff-Steuermann. Hingerissen beobachtet John, wie der Doppeldecker sich in Bewegung setzt, Fahrt aufnimmt – schon hebt er ab und John vergisst vor lauter Staunen fast, den Auslöser zu drücken.

Dann doch, ein Klick im richtigen Moment: Der Beginn des Flugzeitalters ist im Kasten. Noch dazu ästhetisch, wie die Entwicklung später zeigt. Vor grauem Strand und Himmel hebt das Flugzeug von der Startrampe ab – wie ein gewaltiges Insekt in Weiss; daneben Wilbur als dunkler Schemen, der nebenher gelaufen war und just den Flügel losgelassen hat. Anfängerglück? Oder Instinkt?

John T. Daniels als Bronzestatue. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erinnerung vor Ort: John T. Daniels als Bronzestatue. Imago

Egal; ein Foto, das Geschichte schreibt – auch wenn der Flugtag am Atlantik mit einem Crash zu Ende geht. Ein harter Windstoss wirft den «Wright Flyer» überraschend in die Höhe, reisst John mit, der sich in Kabeln und Ketten verhakt, kracht wieder auf den Sand. Den Motor zerreisst es, Fichtenholz-Streben brechen – doch der Fotograf bleibt wie durch ein Wunder unverletzt.

«Ich überlebte den ersten Flugzeugabsturz», wird John T. Daniels später öfter sagen. Und noch heute erinnert eine lebensgrosse Bronzestatue nahe Kitty Hawk, North Carolina, an ihn und seinen grossen Tag.