Eine Herzens-Angelegenheit

Viele herzkranke Menschen dürften Werner Forssmann bis heute dankbar sein: Die Röntgenaufnahme eines Herzkatheters von 1929 brachte dem deutschen Arzt und späteren Nazi im Jahr 1956 den Nobelpreis für Medizin. Und eine Karriere als Chefarzt sowie die Feindschaft zahlreicher Kollegen.

Ein Röntgenbild zeigt einen Herzkatheter im Brustkorb eines Menschen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kanal zum Herzen: Die Röntgenaufnahme von Werner Forssmann dokumentierte den Selbstversuch im Frühjahr 1929. «Über die Sondierung des rechten Herzens» in «Berliner Klinische Wochenschrift», 5. November 1929

Die Nachricht aus Stockholm sorgte Mitte Oktober 1956 für grosse Augen bei vielen deutschen Medizinern: der Nobelpreis an Werner Forssmann – einen kaum bekannten Arzt, der seit Jahren als Urologe und Landchirurg in der Provinz arbeitete? Konnte das wahr sein?

Es war. 27 Jahre zuvor hatte Forssmann in einem Spital in Eberswalde nämlich einen Versuch gewagt, der Medizingeschichte schreiben sollte. Um zu zeigen, dass man einen Katheter gefahrlos durch die Armvene bis in den Vorhof des Herzens bewegen kann, tat er es bei sich selbst.

Über den legendären Selbstversuch im Frühjahr 1929 gibt es unterschiedliche Berichte. Als sicher gilt, dass der 25-jährige Forssmann den Katheter – einen geölten Gummischlauch – allein in eine Vene im rechten Oberarm einführte. Dann begab er sich in den Keller der Klinik, wo er mit einer Röntgenschwester die historische Aufnahme machte.

Aufnahme von Werner Forssmann im Alter von 52 Jahren vor einer Schreibmaschine und Büchern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Werner Forssmann mit 52 Jahren. Imago

Licht und Schatten im Lebenslauf

Als er das Experiment im November 1929 in einem Fachaufsatz publizierte, griff die Boulevardpresse das Thema auf. Doch seine Vorgesetzten an der Berliner Charitè, wo er inzwischen tätig war, fanden derartige Forschung und Schlagzeilen offenbar untragbar – das vorläufige Ende der wissenschaftlichen Karriere Forssmanns.

Später schloss er sich freiwillig der NSDAP und auch der SA an. Kriegseinsatz als Sanitätsoffizier, amerikanische Kriegsgefangenschaft, Berufsverbot als Nazi-«Mitläufer»: Dass sein Stern mit dem Nobelpreis 1956 mit einem Mal hell erstrahlte, dürfte nicht allen Kollegen gepasst haben. Und obwohl er neben dem Katheter auch den Einsatz von Kontrastmitteln erforscht hatte und seine Verdienste als Wegbereiter unstrittig waren, begann nach der Ehrung eine schwierige Zeit für ihn – als neuer Chefarzt eines grossen Spitals in Düsseldorf.

Viele Bewunderer, viele Feinde

Dort zeigten ihm die Ärzteschaft die kalte Schulter – aus Gründen, über die man heute mehr vermuten muss als weiss. War es der Neid auf den unerwarteten «Quereinsteiger», der jahrelang nicht geforscht hatte? War es seine Nazi-Vergangenheit? Seine deutliche Kritik an Missständen in der Klinik? Oder war er als Chefarzt tatsächlich inkompetent, wie seine Gegner laut einem «Spiegel»-Bericht behaupteten?

Der Streit schwelte lange und dürfte Forssmann die Freude an der Arbeit vergällt haben. Erst ein Schlichtungsverfahren beendete den Zank; er blieb bis zu seiner Pensionierung 1969 im Amt. Wie viele Nobelpreisträger äusserte er sich später auch öffentlich – als Mahner für die Menschenwürde, geprägt aus seinen Erfahrungen als Arzt unter dem Naziregime.