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Fünfmalklug Was bedeutet eigentlich «Dichtestress»?

Die Schweiz sei im «Dichtestress», weil zu viele Menschen einwanderten. Das behaupten die Befürworter der Masseneinwanderungsinitiative. Den Begriff Dichtestress haben die Initianten der Biologie entlehnt. Dort meint er mehr als nur ein psychisch belastendes Gefühl der Enge.

Legende: Audio Dichtestress abspielen. Laufzeit 03:23 Minuten.
03:23 min, aus 100 Sekunden Wissen vom 21.01.2014.

In der Biologie beschreibt Dichtestress einen extremen Stresszustand in Tierpopulationen. Der Stress schädigt die Tiere so stark, dass einige gar daran sterben. Ein Lehrbuch-Beispiel sind die Sika-Hirsche von der James-Insel. Diese ursprünglich asiatische Hirschart sollte Anfang des 20. Jahrhunderts auf einer Insel in der amerikanischen Chesapeake Bay angesiedelt werden. Vier Sika-Hirsche wurden. Sie vermehrten sich im Eiltempo und 1955 lebten bereits 300 Hirsche auf der Insel. Die Tiere waren allesamt kerngesund. Doch nur drei Jahre später starb die Hälfte der Tiere.

Ein Skia-Hirsch
Legende: Ein Skia-Hirsch im Sommerkleid: Ursprünglich stammen die Hirsche aus Ostasien, heute kommen sie jedoch in vielen Gegenden der Welt vor. Wikipedia/M. Lilly

Der Grund waren weder Seuchen noch Hunger, sondern Dichtestress. Es gab so viele Hirsche, dass sich die Tiere ständig in die Quere kamen und sich bekämpften. Dabei schütteten sie Unmengen an Stresshormonen aus und schädigten so mit der Zeit ihre Nieren. Direkte Todesursache war denn auch Nierenversagen.

Ähnliche Beobachtungen gibt es auch bei Feldmäusen und vielen anderen Tieren, die dazu neigen, sich stark zu vermehren. Der Stress kann sich auch weniger drastisch auswirken. Bei einigen Tieren führt er vor allem zu einer reduzierten Fruchtbarkeit und weniger Geburten. Der Effekt ist jedoch immer der gleiche: Der Dichtestress sorgt für eine natürliche Regulation.

Solche Mechanismen der Biologie mögen brutal anmuten, doch sie sind äusserst effektiv und haben sich in Jahrmillionen der Evolution herausgebildet. Wer dabei trotzdem Mitleid verspürt mit den Feldmäusen und den Sika-Hirschen, der verfällt einer anthropozentrischen Sichtweise, vermenschlicht die Natur also auf unzulässige Art und Weise. Die anthropozentrische Sicht hat in der Biologie jedoch nichts verloren. Ob andersherum die Biologie in der Politik etwas verloren hat, das ist wohl zumindest diskussionswürdig.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Felix Müller, Bern
    "Dichtestress" ist ein Modebegriff, den Mitarbeiter eines national tätigen Zürcher Medienhauses über Monate zusammen mit dem weiteren Modebegriff "Masseneinwanderung" exzessiv nutzten, um sich aufzuspielen. Erschreckende Folge davon war, dass die Landbevölkerung, in Unkenntnis des tatsächlichen Sachverhaltes und der obengenannten Protagonisten, annahm, dass dies ein real existierendes Leiden sei, dem sozialen Impuls zu helfen folgend, einer selbstschädigenden SVP-Initiative das placet erteilte.
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  • Kommentar von Adrian Zwicker, Baselland
    Statt die Natur zu vermenschlichen, betrachte man den Mensch doch als Teil genau jener Natur und damit auch als denselben Gesetzen unterworfene Art. Wer glaubt unsere Intelligenz befreie uns von dieser Regulation, der irrt schwerwiegend. Unsere Intelligenz verschafft uns lediglich einen Aufschub während dem der Dichtestress weiter zunimmt und die Menschheit in politische, humanitäre, territoriale und Ressourcenkonflikte führt. Die regulierende Wirkung wird sich aber nicht ewig aufschieben lassen
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