HörPunkt - der Tag: «Streik»

Der klassische Arbeitskampf ist in der Schweiz selten. In den Streik treten vor allem Individuen: Sie verweigern sich, etwa der Schule oder anderen Autoritäten. Der HörPunkt beleuchtet die Produktivität dieses Neins. Was lässt sich damit erreichen? Wer profitiert davon, wenn manche störrisch sind?

Artikel 28 der Bundesverfassung garantiert das Streikrecht. Die Sozialpartnerschaft, die die Gewerkschaften und die Wirtschaft in der Schweiz ab Mitte der 1930er Jahre entwickelten, sorgt weithin für Ruhe. Zu klassischen kollektiven Streiks kommt es in der Schweiz kaum. An zwei herausragende Ereignisse erinnert dieser HörPunkt: an den Landesstreik von 1918, der zurzeit in Olten als Theaterstück inszeniert wird, und an den Frauenstreik vom 14. Juni 1991. Ausserdem kommen zwei französische Bahnangestellte zu Wort, die im Frühsommer die Arbeit niedergelegt haben. Individuelle Streiks dagegen finden sich fast in jedem Leben: Junge Leute verweigern sich den Autoritäten, etwa der Schule, und lehnen «das System» ab; Kleinkinder tun alles, bloss nicht, was die Eltern wünschen, und sie entdecken mit Macht und Kraft das Wort «Nein». Die einen mögen sich ärgern über die Komplikationen, die aus der Verweigerung erwachsen. Die anderen entwickeln deswegen – vielleicht – Ideen, wie sich die Welt und das Leben anders gestalten liessen. Auch davon handelt dieser HörPunkt.

Beiträge

  • «Ein jugendlicher Verweigerer»

    Yannick ist heute 32 und Doktorand der Ethnologie, wo er dem Phänomen der «Musse» nachgeht. Seine Schulzeit hat er als ständigen Kampf erlebt: gegen vermeintliche Autoritäten, gegen formale Vorgaben und gegen Lehrer, die keine Antwort darauf haben, warum es Wirtschaftswachstum braucht.

    Bald verweigert sich Yannick dem Gymnasium, tritt in den «inneren Streik» und hat dabei etwas Zentrales gelernt: Widerstand ist nötig.

    Anna Jungen

  • «Wenn die Räder der Bahn stillstehen»

    Katell Pichon (45) arbeitet seit 21 Jahren bei der französischen Bahn. Im Schichtdienst, rund um die Uhr, macht sie Lautsprecherdurchsagen für den Regionalverkehr der SNCF. Arnaud Pommiès (47), Eisenbahner seit 19 Jahren, stellt Weichen in der Pariser Vorstadt Juvisy.

    Beide haben diesen Frühsommer gestreikt, um gegen Massnahmen der Regierung Macron zu protestieren. Vom Ergebnis des Streiks sind sie ernüchtert. Doch sie bleiben kämpferisch. Im Studio diskutieren Vania Alleva (Unia) und Marco Salvi (Avenir Suisse).

    Bettina Kaps

  • «Der Landesstreik von 1918»

    Albert Gassmann (63) spielt zum ersten Mal in einem Theaterstück mit. In der Produktion «1918.ch» schlüpft er in drei Rollen. Die des Eisenbahners Theiler liegt ihm besonders am Herzen: Dieser konnte nicht anders, als zu streiken. Zu gross war die Not, zu klein der Lohn für harte Arbeit.

    Zwar war der Krieg vorbei, doch die Existenz blieb prekär. Seinen Text probt Gassmann auf dem Motorrad, bei der Fahrt über den Jura nach Olten, wo das 120-köpfige Ensemble probt – und von wo aus 1918 das Aktionskomitee den Landesstreik koordinierte. Im Studio diskutieren Vania Alleva (Unia), Marco Salvi (Avenir Suisse) und der Krimi-Autor Hansjörg Schneider.

    Raphael Zehnder

  • «Gender, Rückschau und Ausblick»

    Die Genderforscherin Franziska Schutzbach stellt grundsätzliche Überlegungen an zur emanzipatorischen Qualität des Streikens.

    Und mit Raphael Zehnder, dem Produzenten dieses HörPunkts, schauen wir zurück auf drei Stunden HörPunkt und voraus auf zwei weitere - über die produktive Kraft des Neins.

    Raphael Zehnder

  • «Wenn Frauen streiken»

    Inés Mateos ist Expertin für Bildungs- und Diversitätsfragen. Am Frauenstreik im Jahr 1991 ist sie 22 und richtig glücklich darüber, dass es in der Schweiz endlich zu einem grossen, generalstreikartigen Frauenstreik kommt - so wie sie das aus ihrem Geburtsland Spanien kennt.

    Den Frauenstreiktag erlebt sie als euphorisierend. Seither fordert sie: «Wir brauchen einen Streik der Migrantinnen und Migranten.» Im Studio zu Gast ist die Historikerin Elisabeth Joris.

    Anna Jungen

  • «Das mächtige Nein des Kleinkinds»

    Kinder lernen früh, nein zu sagen. Was Eltern bisweilen auf die Palme bringen kann, lobt Fabian Grolimund (39) in den höchsten Tönen. Der Psychologe, Vater und Co-Leiter der Akademie für Lerncoaching weiss, wie wichtig dieser Entwicklungsschritt für Kinder ist.

    Denn mit dem «nein» entdecken Kinder ihren eigenen Willen. Sie lernen ihre Bedürfnisse auszudrücken. Im Studio zu Gast sind die Historikerin Elisabeth Joris und Heidi Simoni, Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind.

    Kathrin Ueltschi

Moderation: Bernard Senn, Redaktion: Raphael Zehnder, Bernard Senn