Es ist eine Amour fou, gegen alle Widerstände: Der 19-jährige Mario Vargas Llosa liebt seine Tante Julia Urquidi. Sie ist die Schwester der Schwägerin seiner Mutter und zehn Jahre älter. Sie heiraten 1955. Doch nach ein paar Jahren Ehe verliebt sich Mario in Julias Nichte, die viel jüngere Patricia und heiratet nun sie. Klingt wie eine Telenovela, eine Seifenoper aus Lateinamerika? Stimmt, war aber Grundlage für Weltliteratur: den Roman «Tante Julia und der Kunstschreiber».
Als das Buch 1977 erscheint, waren Vargas Llosa und die echte Tante Julia schon längst geschieden. Dennoch hat er es ihr gewidmet, und entschuldigt sich in einem Brief:
Oft war ich, während ich an dem Roman schrieb, versucht, dir zu schreiben und dir mitzuteilen, was ich machte und dich um Erlaubnis für etwas zu bitten, das ohne Zweifel eine Profanierung der Intimsphäre darstellt. [...] Ich habe es nicht getan. Aus Feigheit. Denn was hätte ich gemacht, wenn bei dir meine Idee auf schlechtem Boden gefallen wäre und du mich gebeten hättest, davon Abstand zu nehmen?
Julia Urquide liess dies nicht auf sich sitzen. Spätestens als «Tante Julia» 1981 als Telenovela verfilmt wird, ist die Grenze erreicht – und Urquide greift selbst zur Feder:
Sowohl im Buch von Mario wie auch in der Telenovela gibt es vieles, was einfach nicht stimmt. Es ist eine miserable Fernsehserie, in der vieles geändert und die Wahrheit unterdrückt wurde. Ich musste also mein Buch schreiben, damit sich die Zuschauer nicht von den Lügen irreführen lassen. Es ging mir um die Wahrheit.
Was Urquide besonders gestört hat: In der Fernsehserie trifft Mario die junge Patricia erst lang nach der Scheidung von Julia. In der Realität war die Begegnung aber ein Grund für die Trennung. Vargas Llosa hat die Kontroverse um «Tante Julia» jedenfalls nicht geschadet. Der Roman ist Teil seines literarischen Werks, das 2010 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wird.
Vom Buch zur Radionovela
Eine besondere Pointe: Nicht nur das echte Leben von Vargas Llosa und Urquide liest sich wie eine Telenovela. Auch im Roman kommt eine Seifenoper vor – aber zum Hören. Denn parallel zur fiktionalisierten Geschichte von Mario und Julia liest man Szenen aus Hörspielen – Beziehungsdramen für die Ohren, Radionovela sozusagen.
Es ist nur folgerichtig, dass SRF «Tante Julia und der Kunstschreiber» als Hörspielserie adaptiert hat, Radionovela inklusive:
«Tante Julia» zum Hören
Im Anschluss an die Serie kommt die echte Julia Urquides auch zu Wort: Im Gespräch mit der Journalistin Regula Renschler. Und sie sagt – trotz allem Ärger und allemrKritik – bereue sie die Ehe mit Vargas Llosa nicht; und sei stolz, ihn auf dem Weg zum Schriftsteller unterstützt zu haben.