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Hörspiel Samia, Joseph und Mary auf dem Weg in ein besseres Leben

Sie nehmen lebensgefährliche Routen und Strapazen in Kauf, um Armut, Krieg und Diskriminierung zu entfliehen. In den Medien dominieren Zahlen und Quoten, noch nie haben so viele Menschen ihr Zuhause verlassen. SRF Hörspiel erzählt die Geschichten hinter den Zahlen - von Menschen auf der Flucht.

Samia Yusuf Omar
Legende: Samia Yusuf Omar: Sie ertrank im April 2012, als das Flüchtlingsschiff, auf dem sie sich befand, gerettet werden sollte. Keystone

Ein Schlauchboot sinkt mit 120 Passagieren an Bord. Ein Rettungsschiff mit 234 Bootsflüchtlingen kreuzt tagelang im Mittelmeer und hat keine Erlaubnis, einen Hafen anzulaufen. Mehr als 1500 Menschen sind in den ersten sieben Monaten dieses Jahres im Mittelmeer ertrunken. 400'000 Afrikaner warten in Libyen noch auf eine Überfahrt.

Solche Zahlen überdecken die einzelnen Geschichten. Um vom Schicksal eines einzelnen Menschen zu erzählen, braucht man mehr Zeit und Raum, als die aktuelle Berichterstattung zur Verfügung hat, und manchmal auch andere Mittel. Diese Möglichkeit bietet das Hörspiel.

Es macht Situationen akustisch erlebbar und Orte sichtbar, die keine Kamera abbilden kann, weil dort niemand aufnehmen darf. Es kann Menschen eine Stimme leihen, die nicht mehr gehört werden können, weil sie verschwunden sind oder tot. Es verlässt den Standpunkt des Beobachters und nimmt die Perspektive des Protagonisten ein.

Das Hörspiel folgt anderen Kriterien als die journalistische Berichterstattung und arbeitet mit der Imagination. Wahr ist es dennoch im Sinne einer gestalteten Wirklichkeit, die die Informationen aus Interviews und Gesprächen zu einer Geschichte verdichtet.

«Sag nicht, dass du Angst hast» von Giuseppe Catozella

So zum Beispiel die Geschichte der neunzehnjährigen Somalierin Samia, die eine der über 18'000 Migrantinnen und Migranten ist, die in den letzten 5 Jahren im Mittelmeer ertrunken sind. In den Statistiken wird sie auf ihren Tod reduziert, aber was sie ausmacht, ist das Leben, das sie lebte, und der grosse Traum, den sie hatte: Samia wollte als Sprinterin bei den Olympischen Spielen für ihr Land antreten.

Samia hatte es geschafft. 2008 startete sie bei den Olympischen Spielen in Peking über 200 m. Im Vorlauf kam sie als Letzte ins Ziel, aber sie träumte weiter: von einem Sieg bei der nächsten Olympiade in London. Doch nach ihrer Rückkehr in die Heimat war sie immer stärkeren Repressalien durch die islamistische al-Shabaab ausgesetzt. Schliesslich sah sie keine andere Möglichkeit mehr, als die Flucht nach Europa zu wagen, um weiter trainieren zu können.

Am 2. April 2012 ertrank Samia 87 Meilen südlich von Lampedusa.
Als der italienische Journalist Giuseppe Catozella die Nachricht von Samias Tod im Radio hörte, nahm er Kontakt zu ihrer Schwester Hodan in Finnland auf. Aus seinen Gesprächen mit ihr entstand sein Roman «Sag nicht, dass du Angst hast», der als Vorlage für unser Hörspiel diente.

«Bilal» von Fabrizio Gatti

Wie stark der Tod von Migrantinnen und Migranten mit der europäischen Flüchtlingspolitik zusammenhängt, macht das Hörspiel «Bilal» deutlich. Auch hier wird anhand von Einzelschicksalen die menschliche Dimension der Tragödie erfahrbar. Für seine Recherchen mischte sich der italienische Journalist Fabrizio Gatti in den Flüchtlingsstrom nach Europa und schlug sich auf einer der berüchtigtsten Transitrouten von Dakar nach Europa durch.

Sein Roman «Bilal: Als Illegaler auf dem Weg nach Europa», auf dem unser Hörspiel basiert, erzählt von seinen Begegnungen mit Schleppern, korrupten Polizisten und Militärs, von Auffanglagern, die Menschenkäfigen ähneln, und vor allem von den Menschen auf der Flucht: Von dem Studenten Beli, der komplett ausgeraubt wurde und in Agadez gestrandet ist, von Sophie, die sich das Geld für die Weiterreise durch Prostitution verdienen muss, und von Joseph, der durch Rebellenangriffe alles verloren hat und krank in Dirkou auf eine Fahrgelegenheit durch die Wüste wartet.

«Die Überfahrt» von Alice Munroe

Mit einer anderen Migrationsbewegung befasst sich das Hörspiel «Die Überfahrt», nach der Kurzgeschichte «Die Aussicht vom Burgfelsen» von Alice Munroe. Die Familie Laidlaw gehört zu den vielen Schotten, die im 19. Jahrhundert ihr Land verlassen, weil die politische Situation und die katastrophale wirtschaftliche Lage sie dazu zwingen.

In Kanada will sich der alte Laidlaw mit seinen Söhnen Walter und Andrew und seiner Tochter Mary ein neues Leben aufbauen. Mit an Bord sind auch Andrews Frau Agnes und sein kleiner Sohn James. Die Träume und Hoffnungen der Familie auf ihrer Reise in eine ungewisse Zukunft, die schwierigen Beziehungen untereinander und die Dynamik, die die Ereignisse an Bord durch die räumliche Enge entwickeln, sind das Thema dieses Hörspiels.