Das Experiment ist einfach: die Tessiner Konsumsendung «Patti Chiari» eröffnet ein neues Tiktok-Profil für eine 13-jährige Person – mit Inhaltssperre für Minderjährige. Das heisst, für das Alter ungeeignete Inhalte sollten nicht gezeigt werden.
Videos mit Waffen und Drogen
Doch obwohl der Jugendschutz eingeschaltet ist, zeigt Tiktok dem Nutzer schon nach wenigen Minuten Videos mit stapelweise Geld.
Anschliessend präsentiert der Algorithmus Videos mit Schlagringen, mit berauschendem Hustensirup, mit Cannabis, mit Kokain. Jugendschutz: Fehlanzeige.
Der Algorithmus tendiert zu extremen Inhalten
Im Experiment wird anschliessend eine Suche mit dem Stichwort «Islam» durchgeführt. Die ersten Ergebnisse sind Videos von Gläubigen, Gebetsvideos. Aber es braucht nur ein paar Scrolls, und die Ästhetik wird grausam: Ausdrückliche Einladungen zum Dschihad, Sprengstoffwesten, Kalaschnikows.
«Seit einigen Jahren hat die Zahl der Minderjährigen, die in dschihadistischem Sinne radikalisiert wurden, in der Schweiz zugenommen», bestätigt das Bundesamt für Polizei. «Die Algorithmen der verschiedenen Plattformen begünstigen diesen Prozess.»
Kontrollmechanismen überfordert
Die Richtlinien von Tiktok wären eigentlich klar: keine gewalttätigen oder kriminellen Inhalte, keine hasserfüllten Äusserungen. Tiktok selber äussert sich trotz mehrerer Anfragen von «Kassensturz» nicht.
Tiktok schreibt im jüngsten Transparenzbericht, das Unternehmen habe allein zwischen Juli und September 2025 über 200 Millionen Videos entfernt, die gegen die Richtlinien verstossen. Auf ein Jahr hoch gerechnet wären das 800 Millionen entfernte Videos. 99 Prozent dieser Videos seien entfernt worden, bevor sie überhaupt als anstössig gemeldet wurden.
Allerdings scheint die Flut an Videos Tiktok-Kontrollmechanismen zu überfordern. Toxische Inhalte sind omnipräsent.
Hilfe zum Suizid
Was das heisst, weiss Stéphanie Mistre. Sie ist die Mutter von Marie, einer 15-Jährigen, die wegen ihres Gewichts gemobbt wurde. Und auf Tiktok Zuflucht suchte. Der Algorithmus bemerkt sofort, dass Marie depressiv ist, und bombardiert sie mit entsprechenden Inhalten.
«TikTok betrachtet unsere Kinder als kommerzielle Produkte», sagt Stéphanie Mistre. «Der Algorithmus hat sie in eine Art von depressiver Gemeinschaft eingesperrt und ihr gesagt, dass die beste Lösung für sie sei, sich das Leben zu nehmen.»
Marie beging Suizid. Auf dem Handy fand die Mutter ihr letztes Video – dazu Inhalte, die Tiktok ihr zeigte: Videos, wie man einen Knoten bindet, um sich zu erhängen, wie man sich vor einen Zug wirft. «Ich sah Videos von Jungen, die sagten, sie wollen ihr Leben beenden. Und die Community, die antwortet: Es ist nicht so schlimm, wenn du es heute nicht schaffst, du schaffst es morgen.»
Braucht es ein Verbot?
Stéphanie Mistre hat TikTok vor Gericht gebracht. Sie fordert in Frankreich ein Verbot von Sozialen Medien für unter 15-Jährige. Auch in der Schweiz ist ein Verbot mittlerweile ein Thema. Der Nationalrat wird voraussichtlich noch dieses Jahr einen Vorstoss beraten, der ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren fordert.