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Tiktok, Instagram und Co. Social-Media-Verbote? Warum Eltern andere Massnahmen brauchen

Tiktok, Instagram und Co. können süchtig machen. Wie kann man Kinder und Jugendliche vor den Gefahren von Social Media schützen? Viel diskutiert wird derzeit ein sogenanntes Social-Media-Verbot. Doch nicht alle Experten halten das für sinnvoll.

Rund 30'000 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 15 Jahren zeigen hierzulande Anzeichen einer «problematischen Nutzung» von Social Media. Will heissen: Anzeichen einer Sucht. Das sind sieben Prozent aller elf- bis 15-Jährigen. Ausserdem geben 40 Prozent an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten versucht hätten, weniger Zeit auf sozialen Netzwerken zu verbringen – ohne Erfolg.

Beides geht aus der sogenannten HBSC-Studie aus dem Jahr 2022 hervor. Die Studie beleuchtet die Gesundheit von Schulkindern in über 40 Ländern weltweit. Sie wird alle vier Jahre publiziert.

Erschreckende Zahlen liefert auch die James-Studie von 2024 – sie untersucht alle zwei Jahre die Mediennutzung von Jugendlichen in der Schweiz. Demnach hat jeder dritte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren online schon unerwünschte sexuelle Anfragen durch Unbekannte erlebt.

Tiktok versetzt Gehirn in «Autopilot-Modus»

Kritikerinnen und Kritiker prangern Gefahren wie diese seit Langem an. Sucht und sexualisierte Gewalt sind nur zwei der Risiken, vor denen im Zusammenhang mit Social Media immer wieder gewarnt wird.

Die Liste liesse sich fortsetzen: Mobbing, digitaler Hass, politische Radikalisierung, gefährliche Schönheitsideale, Vereinsamung, tödliche Challenges – all das kann drohen, wenn Jugendliche auf Social Media unterwegs sind.

Mittlerweile reagiert auch die Politik: Anfang Februar drohte die EU-Kommission Tiktok mit einer Geldstrafe – weil die App ein «süchtig machendes Design» habe. Tiktok versetze das Gehirn in einen «Autopilot-Modus».

Die Plattform müsse deshalb grundlegend verändert werden, fordert die EU-Kommission: Stark personalisierte Empfehlungen, automatisch startende Videos, aggressive Push-Benachrichtigungen und die Möglichkeit, unendlich zu scrollen, müssten entfernt werden.

Tiktok bestreitet die Vorwürfe: Die Ergebnisse der Untersuchung würden die Plattform «kategorisch falsch und völlig haltlos» darstellen, so eine Sprecherin. Grundlage für die Verwarnung von Tiktok ist das «Gesetz für digitale Dienste» (Digital Services Act, kurz DSA).

Das EU-Gesetz verpflichtet grosse Plattformen dazu, die eigenen Risiken zu untersuchen und zu minimieren. Sollte es zu keiner einvernehmlichen Lösung kommen, könnte es für Tiktok teuer werden: Die EU könnte eine Geldstrafe von bis zu sechs Prozent des jährlichen Umsatzes verhängen – Tiktok erwirtschaftet jedes Jahr Milliarden.

Politische Regulierung in der Schweiz

Auch der Schweizer Bundesrat will die Rechte von Nutzerinnen und Nutzern gegenüber Plattformen wie Tiktok, X, Facebook und Google stärken – mit dem «Gesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen». Es gilt für «sehr grosse» Onlinedienste, die monatlich von durchschnittlich zehn Prozent der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung genutzt werden.

Das Gesetz soll die Plattformen unter anderem dazu verpflichten, dass Nutzerinnen und Nutzer mutmasslich rechtswidrige Inhalte unkompliziert melden können – etwa Verleumdung, Beschimpfung, Diskriminierung oder Aufrufe zu Hass. Ausserdem sollen die Plattformen Forschungseinrichtungen Zugang zu ihren Daten gewähren.

Ende Februar ist die Vernehmlassung zu Ende gegangen. Kinderschutzorganisationen wie Pro Juventute, Unicef Schweiz und Kinderschutz Schweiz kritisieren den Entwurf: Expliziten Schutz für Kinder und Jugendliche biete das Gesetz nicht. Sie fordern Nachbesserungen. Süchtig machendes Plattformdesign müsse verboten werden. Feeds für Kinder und Jugendliche müssten begrenzt werden, damit sie nicht endlos scrollen können.

Was bringt ein Social-Media-Verbot?

Viel prominenter als dieses geplante Gesetz ist in der medialen Debatte etwas anderes: ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unterhalb einer bestimmten Altersgrenze. In vielen europäischen Ländern wird derzeit darüber debattiert. Österreich hat kürzlich ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren beschlossen. Frankreich plant ein Verbot für Jugendliche unter 15 Jahren.

Vorbild dabei ist Australien. Ende vergangenen Jahres hat Australien als erstes Land weltweit ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Der wohl prominenteste Verfechter eines solchen Verbots ist der US-amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt. Vor zwei Jahren erschien sein Buch «Generation Angst».

Es stand mehr als hundert Wochen auf der Bestsellerliste der «New York Times» und wurde auch hierzulande ausführlich besprochen. Darin warnt Haidt eindringlich vor den Gefahren sozialer Medien und plädiert für ein Verbot für unter 16-Jährige.

Deutsche Bildungsforscherin ist gegen ein Verbot

Auch in der Schweiz befürworten rund 80 Prozent ein solches Social-Media-Verbot – das geht aus einer Studie des Forschungsinstituts Sotomo vom Mai 2025 hervor. Ende Dezember vergangenen Jahres zeigte sich auch Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider in einem Interview offen für ein Verbot. Man müsse Kinder besser vor den Gefahren im digitalen Raum schützen.

Letzteres würde auch die deutsche Bildungsforscherin und Politikwissenschaftlerin Nina Kolleck unterstreichen. Auch sie setzt sich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche besser vor den Gefahren von Social Media geschützt werden. In ihrem kürzlich erschienenen Sachbuch «Der Kampf in den Köpfen – wie TikTok, Instagram & Co unsere Kinder manipulieren» warnt sie vor den Risiken.

Porträt einer lächelnden Frau im Freien.
Legende: Soziale Medien verändern das Aufwachsen heute radikal. Der Ansatz von Bildungsforscherin Nina Kolleck: Die Mechanismen von Social Media besser verstehen, um Kinder und Jugendlichen schützen zu können. Uni Potsdam/Thomas Roese

Mehr noch – Nina Kolleck hält fest: «Wir stehen an einem Scheideweg.» Social Media präge die Sozialisation einer ganzen Generation und beeinflusse auch das politische Weltbild stark.

Wie wir in Zukunft mit Social Media umgehen, das ist für Kolleck ein entscheidender Faktor, wenn es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die psychische Gesundheit geht. Trotzdem ist Nina Kolleck überzeugt: Ein gesetzliches Social-Media-Verbot ist keine Lösung.

Lernen durch Üben, nicht durch Ausschliessen

Warum? Zum einen hält Kolleck ein Verbot für entmündigend. Denn soziale Medien sind nicht nur gefährlich, sie können auch bereichern – davon ist die Bildungsforscherin überzeugt.

Man kann sich mit Menschen in aller Welt austauschen und gemeinsame Erfahrungen teilen. Minderheiten vernetzen sich miteinander und machen gemeinsam auf Ungerechtigkeiten aufmerksam. Phänomene wie der Arabische Frühling oder #metoo wären ohne Social Media undenkbar, schreibt Kolleck in ihrem Buch.

Buchhinweis

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Nina Kolleck: «Der Kampf in den Köpfen – wie TikTok, Instagram & Co unsere Kinder manipulieren». Rowohlt Berlin, 2026.

Mit einem Verbot würde man Jugendliche von diesem vielseitigen Erfahrungsraum aussperren. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) und die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) sehen das ähnlich: Beide betonen das Recht von Kindern und Jugendlichen auf gesellschaftliche Teilhabe.

Zweiter Kritikpunkt von Nina Kolleck: Ein gesetzliches Verbot sei ein Kontrollmechanismus von aussen. Was die Jugendlichen aber eigentlich brauchten, sei ein innerer Kontrollmechanismus. Wenn der fehlt, kennen die Jugendlichen im schlimmsten Fall kein Halten mehr, sobald sie mit 16 Jahren soziale Medien offiziell nutzen dürfen.

Ein Social-Media-Verbot klingt für viele wie ein Knopf – man drückt darauf und das Problem ist weg.
Autor: Nina Kolleck Bildungsforscherin

Kolleck plädiert dafür, dass man Jugendlichen die Chance gibt, zu lernen, wie man sich verantwortungsvoll auf Social Media bewegt – und das funktioniere nur, indem sie es übten, nicht indem man sie davon ausschliesse.

Lenkt ein Verbot von grundsätzlichen Problemen ab?

Kollecks dritter Kritikpunkt betrifft die Plattformen selbst: Je mehr über ein gesetzliches Social-Media-Verbot für Jugendliche debattiert werde, desto stärker gerieten die grundsätzlichen Probleme der Plattformen aus dem Blick, befürchtet sie: «Ein Social-Media-Verbot klingt für viele wie ein Knopf – man drückt darauf und das Problem ist weg. Diese Debatte könne aber auch nach hinten losgehen und dafür sorgen, dass die Technologiefirmen ihre Plattformen genauso belassen, wie sie sind.»

Statt eines Social-Media-Verbots plädiert Nina Kolleck für zweierlei: Zum einen brauche es eine wirksame Regulierung von Social-Media-Plattformen durch die Politik. Zum anderen fordert sie: Medienbildung müsse in der Schule eine viel grössere Rolle spielen, sie müsse Teil des Lehrplans sein.

Zumindest in dieser Hinsicht ist die Schweiz auf einem guten Weg: Seit diesem Schuljahr gilt in allen Klassen der Volksschule in den deutsch- und mehrsprachigen Kantonen der sogenannte Lehrplan 21 – der Lehrplan für das 21. Jahrhundert.

Im Rahmen dieses Lehrplans wurde das Modul «Medien und Informatik» neu eingeführt – mit verbindlichen Zielen. Auf der Homepage des Lehrplans heisst es, die Schülerinnen und Schüler sollten lernen, «selbstbestimmt, kreativ und mündig» an der Mediengesellschaft teilzuhaben. Dazu gehöre auch, «dass sie wissen, welche Gefahren mit den neuen Medien verbunden sein können».

Medienerziehung in der Schweiz

Thomas Merz ist Medienpädagoge und Prorektor für Forschung und Wissensmanagement an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Er hat sich vehement dafür eingesetzt, dass die Medienbildung in den Lehrplan 21 aufgenommen wird.

Älterer Mann mit Bart und Fliege lächelt.
Legende: Der Medienpädagoge kämpfte und kämpft dafür, dass Medien und Informatik an der Volksschule den Stellenwert erhalten, den sie seiner Meinung nach verdient haben. Barbara Keller

Zwar hält er den zeitlichen Umfang des Moduls für zu gering: Gerade einmal 160 Lektionen sind vorgesehen, von der dritten bis zur neunten Klasse. Mathe und Deutsch hätten die Schülerinnen und Schüler jeweils rund zehn Mal häufiger, sagt Merz.

Wir müssen Kinder und Jugendliche in der Schule auf die Welt vorbereiten, in der sie einmal leben werden.
Autor: Thomas Merz Medienpädagoge

Trotzdem habe das verpflichtende Modul einiges zum Positiven verändert: Mittlerweile ist Medienbildung Bestandteil der Ausbildung für Lehrpersonen, es gibt Lehrmittel zum Thema. Ausserdem hätten die Kantone viel in Fortbildungen investiert.

«Wir müssen Kinder und Jugendliche in der Schule auf die Welt vorbereiten, in der sie einmal leben werden», ist Merz überzeugt. Auch er hält ein Social-Media-Verbot bestenfalls für eine Notlösung.

Nur: Bis zu welchem Grad kann Medienerziehung Jugendliche vor den Risiken von Social Media schützen? Bildungsforscherin Nina Kolleck hält es zwar für wichtig und wünschenswert, dass Eltern und Lehrpersonen die Jugendlichen über Social Media informieren und sie dabei begleiten, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden.

Doch das allein, schreibt sie in «Der Kampf in den Köpfen», könne die strukturellen Probleme von Social Media nicht lösen. Für Nina Kolleck braucht es deshalb zwingend eines: eine wirksame politische Regulierung der Social-Media-Plattformen.

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 24.4.2026, 9:03 Uhr;liea

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