Zum Inhalt springen

Header

Video
Pionierin Grüner Güggel
Aus Mission B vom 01.07.2020.
abspielen
Inhalt

Religion und Natur «Die Schöpfung bewahren heisst, der Natur mehr Raum zu geben»

Als Gott den Menschen in den Garten Eden setzte, betraute er ihn mit einer Aufgabe: die Schöpfung zu behüten. Doch er hat es vermasselt. Mehr denn je steht die Natur unter Druck. Gaby Zimmermann, Theologin aus Romanshorn, will dem entgegenwirken – mit dem Umweltlabel «Grüner Güggel».

Ein Ort zum Verweilen. Man könnte sagen: paradiesisch. Die Wiese blüht, Bienen summen, Eidechsen huschen über Steine. Zwischen alten, hochgewachsenen Bäumen führt ein Kiesweg hindurch zu einem schattigen und lauschigen Plätzchen. Der Weg heisst Oasenweg, es ist ein Schöpfungsweg, erklärt Gaby Zimmermann. Der Garten ist das Resultat eines jahrelangen und unermüdlichen Einsatzes für mehr Vielfalt, mehr Natur auf dem Kirchgelände. «Wir müssen wieder merken, dass wir die Natur nicht nur schützen müssen, weil sie uns nützt, sondern weil wir Teil von ihr sind und sie uns guttut. Das hier ist so ein Ort, wo man das erleben kann», sagt die pensionierte Gemeindeleiterin.

Gaby Zimmermann steht vor einer Blumenwiese.
Legende: Gaby Zimmermann engagiert sich für mehr Biodiversität. SRF

Die katholische Pfarrei von Romanshorn hat als eine der ersten in der Schweiz das kirchliche Umweltlabel «Grüner Güggel» eingeführt. 2010, im UNO-Jahr der Biodiversität, erfuhr Gaby Zimmermann am Bodensee-Kirchtag vom Grünen Hahn, ein Umweltmanagementsystem für Kirchen in Deutschland. Ihr war sofort klar: So etwas braucht es auch in der Schweiz. Zusammen mit dem reformierten Theologen und Umweltberater Andreas Frei startete sie für die katholische Landeskirche Thurgau ein Pionierprojekt. 2015 erhielten die ersten Schweizer Kirchgemeinden das Zertifikat «Grüner Güggel»: Arbon, Ermatingen, Güttingen, Sirnach, eben auch Romanshorn sowie die evangelische Kirchgemeinde Meilen. Das Label ist anspruchsvoll. Durchschnittlich brauche eine Gemeinde zwei Jahre, bis sie die Zertifizierung erlangt. Im Moment haben 29 Kirchen und kirchliche Institutionen den Grünen Güggel erhalten; zwanzig weitere sind auf dem Weg dazu.

Die Initiantin freut es, dass so viele kirchliche Institutionen nachgezogen haben. Doch geht es ihr um weit mehr als die Zertifizierung: «Am wichtigsten finde ich, dass wirklich etwas passiert. Dabei gefällt mir, dass ein Prozess angestossen wird, der lange andauert und garantiert, dass die Kirchen dranbleiben und Freude haben.» Auch ihre Pfarrei in Romanshorn, die sie 23 Jahre lang geleitet hatte, bleibt dran. Die Kirschlorbeerhecke im hinteren Teil des Geländes soll durch eine Hecke mit einheimischen Sträuchern ersetzt werden. Ein Projekt, das auch dank der Teilnahme der politischen Gemeinde am kantonalen Projekt «Vorteil Naturnah» zustande gekommen ist.

Im Alten Testament heisst es: Macht euch die Erde untertan. Doch wie ist das zu verstehen? «Sicher nicht so, wie es die Menschen getan haben», sagt Gaby Zimmermann. Der Satz sei als Freibrief für die Ausbeutung der Erde durch die Menschen verstanden worden. Gott habe Mann und Frau nach seinem Ebenbild geschaffen. Doch das Verhalten mancher Menschen gegenüber der Schöpfung sei alles andere als göttlich. „Gott hat Leben erschaffen und will, dass es sich vermehrt. Und nicht, dass die Menschen die Natur kultivieren und nur zu ihrem Nutzen brauchen.»

Die Schöpfung bewahren als Auftrag Gottes. Als Christin sieht sich Gaby Zimmermann hier in der Pflicht. Doch es sei nicht nur Pflicht, sondern mache auch Freude: Weil diese Arbeit sie innerlich erfülle und mit unterschiedlichen Menschen zusammenbringe, die sich auch für die Natur engagieren.

Grüner Güggel, das kirchliche Umweltlabel

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

Der Grüne Güggel ist ein Umweltmanagementsystem, das Kirchgemeinden und kirchlichen Institutionen hilft, auf die Schöpfung zu achten. Das Label erfüllt die europäischen Umweltnormen 14001 und EMAS3. Alle Bereiche der Kirche werden im Laufe der Zeit auf ihre Nachhaltigkeit überprüft, konkrete Massnahmen zur Verringerung des ökologischen Fussabdrucks werden umgesetzt. Folgende Bereiche werden durchleuchtet: Energieverbrauch, Materialbeschaffung, Entsorgung, Mobilität, Biodiversität, Liturgie Bildung, Geldanlagen, Solidarität. In der Schweiz betreut die Fachstelle Oeku, Link öffnet in einem neuen Fenster das Label.

Gaby Zimmermann, Initiantin des Grünen Güggels

Gaby Zimmermann, Initiantin des Grünen Güggels

Gaby Zimmermann wuchs in der deutschen Stadt Köln auf. In den Ferien und Wochenenden war sie oft auf einem Bauernhof, wo sie geholfen und sich mit den Tieren angefreundet hat. Ihre Liebe zur Natur gründet in verschiedenen Erlebnissen: Sei es die Lektüre des Buches von Club of Rome über die Grenzen des Wachstums, Projektbesuche auf den Philippinen und Brasilien, wo sie Zerstörung und Landraub gesehen hat, aber auch die Braunkohlegruben in ihrer Heimat. «Die Themen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung habe ich früh als Schicksalsthemen erlebt, wo unsere Generation gefragt ist, die Rahmenbedingungen für eine lebensfreundliche Zivilisation zu schaffen», sagt die studierte Theologin. Gaby Zimmermann lebt seit 1980 in der Schweiz. Seit 1984 arbeitet sie im kirchlichen Dienst des Bistums Basel. Von 1996 bis 2019 leitete sie die Pfarrei in Romanshorn.