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Die guten Seiten der Blattläuse
Aus Biodiversität vom 09.06.2020.
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Blattlaus-Hochsaison Warum ich Läuse trotzdem liebe

Jeden Frühling verfluche ich die Blattläuse, die meinen Salat, den Mangold, ja sogar die Sonnenblume anzapfen. Aber trotz allem Ärger muss ich gestehen: Ich bin ein Blattlaus-Fan.

Letztes Jahr haben sie mir Schnittlauch und Peterli gemeuchelt, dieses Jahr sind Koriander und Sonnenblume unter Attacke. Für viele ein Grund, um hart gegen den Blattlausbefall vorzugehen. Ich jedoch mag sie, die kleinen Biester und bin so fasziniert von ihnen, dass ich sogar meine Doktorarbeit über sie schreibe.

Heidi Käch

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Heidi Käch ist Biologin und Stagiaire bei SRF. Nach mehreren Jahren Forschung an Blattläusen lässt sie das Thema Blattlaus nicht mehr los. Nicht zuletzt, weil die Tiere immer wieder ungefragt bei ihr auf dem Balkon in den Blumentöpfen auftauchen.

Es gibt sie in allen möglichen Farben, über 300 Arten kennt man allein in der Schweiz. Nur wenige tauchen als lästige Schädlinge im Obst- und Gemüsegarten auf. Die meisten führen ein heimliches Leben, hoch oben in Baumwipfeln, am Wegrand oder sogar im Moos versteckt.

Grüne und orange Blattläuse, dicht gedrängt auf einem Zweig, mit Ameise und Marienkäferlarve
Legende: Die schönen Vielfältigen Im dichten Gewimmel an diesem Weidenzweig kann man Mutter- und Jungtiere trotzdem perfekt unterscheiden: Die Mütter sind saftig grün, während die Jungen noch grell orange durchs Leben gehen. SRF

Schön und vermehrungsfreudig

Schaut man genauer hin, findet man an fast allen Pflanzenarten Blattläuse: Wollige, blau schimmernde Buchenläuse. Hellgrüne und rosa Erbsenläuse. Schwarz gepunktete Lindenblattläuse. Rote Kartoffelblattläuse. Alles kleine, bezaubernde Schönheiten. Probleme gibt es erst, wenn ihre grosse Vermehrungskapazität hinzukommt: Eine einzige Schwarze Bohnenlaus kann 70 Nachkommen produzieren. Hut ab!

Sex ist überbewertet

Diese hohe Anzahl Nachkommen ist nur möglich, weil Blattläuse im Sommer keine Zeit für Sex verschwenden. Statt sich begatten zu lassen, klonen sich die Weibchen, produzieren also nur Töchter. Damit alles noch schneller geht, fangen die Töchter schon im Mutterleib an, selbst Embryonen zu bilden. Bei einer solchen Vermehrungswut erstaunt es, dass es überhaupt noch Pflanzen ohne Blattläuse gibt.

Marienkäfer an einer Getreideähre frisst eine Blattlaus
Legende: Nützling an der Arbeit Ein Marienkäfer sorgt an diesem Getreidehalm dafür, dass die Blattläuse nicht zu zahlreich werden. SRF

Erfolgreiche haben viele Feinde

Wer in seinem Garten Raum für Nützlinge schafft, kann sich zurücklehnen und die Schlacht gegen die Blattläuse beobachten. Gefrässige Marienkäfer, Spinnen, Blattlausgallmücken und sogar Meisen machen sich über sie her.

Schwebfliegenlarven schaben die Läuse mit ihren Mundwerkzeugen aus. Florfliegenlarven spritzen Verdauungssekrete in die Läuse, um sie anschliessend leer zu saugen. Und winzige Schlupfwespen legen ihre Eier in den Läusen ab. Deren Larve frisst die Blattlaus von innen her auf – lebensnotwendige Organe zuletzt. Sich gegen so viele Feinde durchzusetzen, das braucht Cleverness.

Ameise nimmt mit ihren Mundwerkzeugen einen Honigtautropfen entgegen
Legende: Der Ameisen Milchkühe Diese Ameise erntet den Lohn für ihre Bemühungen, die Blattlaus vehement gegen Feinde zu verteidigen: einen Tropfen Honigtau. SRF

Die Kunst, aus Pipi Gold zu machen

Mit ihrem weichen Körper sind Blattläuse schlecht gerüstet, sich zu verteidigen. Manche lassen sich fallen, wenn es gefährlich wird, andere treten nach ihren Feinden oder sondern ein klebriges Verteidigungssekret ab. Und dann gibt es noch jene, die sich mit Ameisen verbünden.

Der Handel: Die viel wehrhafteren Ameisen verjagen die Feinde; die Blattläuse spielen Milchkuh. Betasten die Ameisen mit ihren Fühlern den Rücken der Blattläuse, sondern diese zuckrig süsse Honigtau-Tröpfchen ab. Die Ausscheidungen der Blattläuse werden so zum nahrhaften Festmahl. Jetzt mal ehrlich: Wer setzt seine Ausscheidungen gewinnbringender ein als die Blattlaus?

Heimliche Honigproduzenten

Wegen des vielen Zuckers wird Honigtau klebrig, wenn er eintrocknet. Damit sie nicht am Untergrund kleben bleiben, müssen Blattlaus-Arten, die nicht mit Ameisen zusammenspannen, ihre Ausscheidungen anderweitig loswerden. Sie nutzen ihr Schwänzchen oder ein Hinterbein, um die Honigtau-Tröpfchen weit weg zu schleudern.

Rosa Blattlaus auf einem Stängel scheidet einen Tropfen klarer Flüssigkeit aus
Legende: Süsse Ausscheidungen Eine junge Erbsenlaus hat einen Rotkleezweig angezapft. Von Zeit zu Zeit scheidet sie einen Tropfen Honigtau aus und spickt diesen mit dem Hinterbein weg. SRF

Wer je sein Auto während der Blattlaus-Hochsaison unter einer Linde parkiert hat, weiss, wie rasch es von einer klebrigen Schicht überzogen ist. Das sind Blattlaus-Ausscheidungen.

Der viele Zucker lockt auch Bienen an. Sie lecken den Honigtau von Tannen, Eichen oder Ahornbäumen und machen daraus den sogenannten Waldhonig. So profitiert nicht nur die Ameise, sondern auch ich von den süssen Ausscheidungen der Blattläuse.

Klein aber oho

Die kleinen, vermehrungsfreudigen Blattläuse spielen also eine grosse Rolle. Vögel, viele Insekten und sogar wir Menschen profitieren von ihnen. Das macht doch den einen oder anderen geplätteten Peterli wett, finde ich.

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