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Einschätzung Florian Altermatt Was hat Mission B bewirkt?

Knapp 2 Millionen Quadratmeter für mehr Biodiversität. So viel naturnahe Fläche ist während den letzten eineinhalb Jahren im Rahmen von Mission B zusammengekommen. Was Mission B bewirkt hat und wie es der Schweizer Artenvielfalt heute geht, klären wir mit Florian Altermatt vom Forum Biodiversität.

Es steht schlecht um die Biodiversität, weltweit und auch in der Schweiz. Grund dafür ist vor allem das Verschwinden von Lebensräumen. Als Antwort auf diesen Rückgang der Artenvielfalt hat SRF Anfang 2019 Mission B ins Leben gerufen. Alle vier Sprachregionen haben sich zum Ziel gesetzt, die Biodiversität in der Schweiz nachhaltig zu fördern. Während eineinhalb Jahren haben Menschen aus mehr als zwei Dritteln aller Gemeinden über sieben Tausend Projekte eingetragen. Mehr als Fünftausend davon sind während der Laufzeit von Mission B neu entstanden. Insgesamt fast zwei Millionen Quadratmeter. Ein wahrer Erfolg oder ein Tropfen auf den heissen Stein?

Florian Altermatt, Präsident Forum Biodiversität

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Florian Altermatt, Präsident Forum Biodiversität

Florian Altermatt ist Präsident des Forums Biodiversität. Der Biologe ist Professor für Aquatische Ökologie an der Universität Zürich und an der Eawag, und ist Co-Leiter der Eawag-WSL Forschungsinitiative «Blue-Green Biodiversity».

Mission B: Wie steht es um die Biodiversität allgemein?

Florian Altermatt: Global wie national sind viele Lebensräume bedroht. Es ist ein starker Rückgang der Artenvielfalt zu beobachten. Weltweit sind eine Million Arten vom Aussterben bedroht. In der Schweiz sind es rund 30 Prozent der Tier- und Pflanzenarten. Es ist derzeit das grösste Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier im Gang. Diese Biodiversitätsverluste sind nicht natürlich, sondern hauptsächlich den Menschen verschuldet.

Mission B: Welche Lebensräume und Arten sind in der Schweiz besonders gefährdet?

Florian Altermatt: Es sind viele Lebensräume bedroht, beispielsweise Moore, Feucht- und Trockenwiesen, aber auch Gewässer stellen sehr sensible Ökosysteme dar. Insbesondere die Intensivierung der Nutzung, beispielsweise durch dir Landwirtschaft oder Siedlungsentwicklung, stellen eine grosse Bedrohung dar. Stark gefährdet sind unter anderem diverse Insekten- und Fischarten. Bei den Pflanzen sind beispielsweise Arten der Ackerbegleitflora gefährdet. Darunter werden Blumen und Kräuter verstanden, die vor der Anwendung von Herbiziden insbesondere auf Kornfeldern gewachsen sind. Zudem trägt die Schweiz eine grosse Verantwortung für alle Lebensräumen in subalpinen und alpinen Gebieten. Auch dort verändert sich die Biodiversität stark. Dies ist besorgniserregend, da in den Alpen Arten vorkommen, die weltweit einzigartig sind.

Mission B: Mission B hatte zum Ziel, ein möglichst breites Publikum für die Problematik rund um den Rückgang der Biodiversität zu sensibilisieren. Warum ist es wichtig, dass wir uns als Gesellschaft für mehr Biodiversität einsetzen?

Florian Altermatt: Die Biodiversität stellt unsere Lebensgrundlage dar. Nur in Lebensräumen mit einer intakten Biodiversität gibt es fruchtbare Böden und sauberes Trinkwasser. Auch der Sauerstoff in der Luft wird durch Organismen produziert. Zudem kann eine hohe Biodiversität, sowohl auf Artebene wie auch auf genetischer Ebene, die Ausbreitung von Krankheiten verringern. Biodiversität ist also in vielen Belangen wichtig für unser Wohlergehen.

Mission B: Während eineinhalb Jahren haben Menschen im Rahmen von Mission B im ganzen Land Fläche für mehr Biodiversität geschaffen. Auf missionb.ch wurden fast zwei Millionen Quadratmeter neue naturnahe Flächen eingetragen - ein Tropfen auf den heissen Stein?

Florian Altermatt: Bestimmt haben diese Flächen im Kleinen viele positive Effekte. Die Projekte inspirieren andere Menschen, auch etwas für den Erhalt der Artenvielfalt zu tun. Mit zwei Millionen biodiversen Quadratmetern ist das Problem jedoch nicht gelöst. Ein wichtiger Punkt, der damit erreicht wird, ist sicherlich die Sensibilisierung. Die Bevölkerung muss wissen, warum Biodiversität wichtig ist und dass es sehr schlecht um sie steht. Dann handeln die Leute auch.

Mission B: Was sind nächste notwendige Schritte?

Florian Altermatt: Es braucht einen gesellschaftlichen Wandel - im Kleinen wie auch im Grossen. Flächen im landwirtschaftlichen Raum, aber auch im Verkehrs- und Siedlungsraum müssen extensiv und nachhaltig bewirtschaftet werden. Ebenso braucht es mehr Schutzgebiete, wo wir der Natur freien Lauf lassen. Am wichtigsten ist aber, dass eine Internalisierung der Kosten stattfindet, und die Kosten, welche durch den Verlust der Biodiversität entstehen nicht einfach der Allgemeinheit oder zukünftigen Generationen hinterlassen werden. Ebenso sollten keine öffentlichen Gelder in biodiversitätsschädigende Aktivitäten fliessen. In der Schweiz wird zwar rund eine Milliarde Franken für biodiversitätsfördernde Massnahmen ausgegeben. Parallel dazu werden jedoch 40 Milliarden Subventionen getätigt, welche biodiversitätsschädigend sind. Diese Subventionen müssten eingestellt oder umgeleitet werden.

Mission B: Was sind die grössten Herausforderungen?

Florian Altermatt: Wir müssen unsere Lebensgewohnheiten ändern. Der Erhalt der Biodiversität muss in allen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entscheiden einbezogen werden. Dies ist nicht einfach, da es viele Aspekte betrifft. Doch wenn wir diese Änderungen nicht angehen, werden die künftigen Generationen, also unsere Kinder und Enkelkinder, einen sehr grossen Preis dafür zahlen.

Mission B: Was kann ich als Einzelperson tun?

Florian Altermatt: Es wäre schön, wenn die neu geschaffene Mission B-Flächen wie Keimzellen wirkten, die sich ausbreiten auf weitere Gärten, Balkone, Pausenplätze, Firmenareale oder öffentliche Grünflächen. Doch damit ist es noch nicht getan. Eine grosse Wirkung hat eine möglichst nachhaltige und ressourcenschonende Lebensweise. Dabei sollten wir vor allem auf unser Konsumverhalten, die Mobilität oder unsere Wohnform achten. In all diesen Bereichen ist nachhaltiges Handeln notwendig.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    200ha, schön! Denke ich aber an die unzähligen priv.Exotengärten mit ihren heiligen Rasen, da wären noch weitere 100e ha herauszuholen. Egal, denn wohl auch Mission B wie sämtliche Massnahmen für Natur+Umwelt werden in wenigen Jz umsonst sein, wenn nicht endlich auch die Bevölkerungszunahme gestoppt wird. +60'000/J in der CH, viel zu viel! Aber auch weltweit ein Durchschnitt von über 1.2%/J seit 10J, das ergibt bei exponent.Zunahme eine Verdoppelung in 59J. Da nahen andere, furchtbare Probleme!
  • Kommentar von Tobias Vetter  (ToVe)
    Ich würde mir auch mal etwas mehr Mut von den Bauherren und/oder Architekten wünschen. Denn irgendwie sehen diese Neubauten immer gleich langweilig aus: englischer Rasen, ein paar Büsche und ein paar kleine Alibibäumchen die kaum wachsen. Und in der Innenstadt einfach eine grosse Asphaltfläche rundherum. Schrecklich :(
  • Kommentar von Andreas Diethelm  (Okapi)
    Was "ich als Einzelperson tun kann": Ein gutes Beispiel geben und darauf hinarbeiten , dass ich KEINE EINZELPERSON BLEIBE.
    was SRF tun kann: "Mission B" nicht als "acomplished" zu erachten, sondern als permanente Verpflichtung weiterzuführen. Das braucht nicht in der jetzt gezeigten Form zu sein, aber durch höhere Gewichtung der Thematik im Tagesgeschäft, als integrierten Bestandteil journalistischen Qualitätsmanagements, denn wir haben nicht eine Bedrohungslage, wir haben den Eintretensfall.