Medikamente – aus Notwendigkeit oder aus Gewohnheit?

Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Schmerzmittel – oft noch kombiniert mit Alkohol: Immer mehr Seniorinnen und Senioren pflegen einen problematischen Umgang mit Medikamenten. Dr. Thomas Münzer und Dr. Bernadette Ruhwinkel haben Fragen rund um die Thematik Sucht im Alter beantwortet.

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Bildlegende: Dr. Thomas Münzer und Dr. Bernadette Ruhwinkel SRF

Fachleute warnen: Senioren entwickeln sich zur grössten Gruppe suchtkranker Menschen. Dabei zeigen sich geschlechterspezifische Unterschiede: Jeder fünfte Mann, der in ein Altersheim eintritt, ist alkoholabhängig. Jede vierte Frau über 74 Jahre nimmt täglich Schmerz-, Schlaf- oder Beruhigungsmittel – häufig mehr davon als medizinisch nötig.

Wo ist die Grenze? Was können Angehörige tun? Wann ist sogar ein Entzug in einer stationären Klinik nötig? Dr. Thomas Münzer und Dr. Bernadette Ruhwinkel sind im «Puls»-Chat auf die Fragen von Betroffenen und Angehörigen eingegangen. Fünf der Antworten finden Sie hier.

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    Experten am Telefon

    Cristina Crotti, Dr. Berta Truttmann und Dr. Marc Vogel

    SRF

    Am «Puls»-Expertentelefon gaben Auskunft: Cristina Crotti, Dr. Berta Truttmann und Dr. Marc Vogel.

    Frage von H. B., Buchsiten: Wenn ich meine 85-jährige Grossmutter besuche, sehe ich bei ihr oft ziemlich viele leere Tablettenschachteln im Abfall. Wenn ich sie darauf anspreche, wiegelt sie ab und meint, sie nehme diese Mittel schon lange. Mir ist nicht recht wohl bei der Sache, was würden Sie mir als nächsten Schritt empfehlen?
    Antwort von Dr. Bernadette Ruhwinkel: Sie könnten die leeren Schachteln mal mitnehmen und ihrem Hausarzt bringen. So kann dieser schauen, was das alles ist.
  • Frage von G. F., Frenkendorf: Wer bezahlt den Aufenthalt in so einer spezialisierten Klinik?
    Antwort von Dr. Thomas Münzer: Die Krankenkasse übernimmt den Aufenthalt für eine stationäre Entzugsbehandlung. Bitte nehmen Sie Kontakt mit Ihrem Hausarzt auf.
  • Frage von Z. G., St. Gallen: Bin 69. Nehme seit 40 Jahren Benzo. Höchstdosis: 1 Dalmaorm, 2 Lexotanil und Nervifen zum Schlafen, später 1 Dormicum 15 und Seresta 50 zum Schlafen, 1 Lex tagsüber. Heute: 1/2 Dormicum abends, 1 Lex 3mg nachts (wegen Tinnitus). Trinke keinen Alkohol. Grund für Medis: Depressionen (2 Klinikaufenthalte). Bin ich nach so vielen Jahren abhängig?
    Antwort von Dr. Bernadette Ruhwinkel: Ja, da sind sie abhängig von den Benzodiazepinen (Stoffgruppe, zu denen diese Medikamente alle gehören). Wenn Sie aber wollen, können Sie jetzt mit über 60 Jahren besser etwas gegen die Abhängigkeit tun als in jüngeren Jahren. Wichtig wäre zunächst das Umstellen auf ein Mittel mit kürzerer Wirkzeit im Körper und ohne Abbaustoffe (Metabolite), die auch noch wirksam sind. Hier kann ich vor allem Temesta oder Seresta empfehlen. Diese sammeln sich nicht so im Körper an (Kumulation) und sind damit im Alter besser geeignet. Ob Sie dann auch noch reduzieren möchten, können Sie in Ruhe entscheiden. Fragen Sie bitte auch einen Alterspsychiater oder Geriater, die Sie gut beraten können.
  • Frage von S. B., Oberhof: Ab welchem Alter ist es egal, wenn man süchtig ist? Wenn jemand auf sein Lebensende hin mit den Medikamenten glücklich ist, soll man ihn doch lassen!?
    Antwort von Dr. Thomas Münzer: Das Problem ist nicht nur die Sucht, sondern andere Nebenwirkungen, unter denen Sie im Alter leiden könnten: Vergesslichkeit, Stürze, Knochenbrüche und vieles mehr. Das andere Problem ist, dass Sie vielleicht nicht mehr wissen, wie die Welt ohne Medikamente aussieht. Darum rentiert sich der Entzug immer.
  • Frage von S. T., Rothrist: Ich finde es sehr schade, dass bei diesem Thema sehr viel Last den Patienten zugeschoben wird. Oft erleben wir Patienten, die ganze Säcke voll mit Medis haben. Da frag ich mich, wer ihnen diese verschreibt. Ich denke, dass Hausärzte oft einfach Medis verschreiben, weil sie selber nicht weiter wissen.
    Antwort von Dr. Bernadette Ruhwinkel: In der hohen Belastung an Arbeit in einer Hausarztpraxis ist leider das Verschreiben von Medikamenten oft eine allzu schnelle Lösung, zumal die Medikamente oft im Altersbereich gar nicht von der Pharmaindustrie getestet wurden. Somit tragen auch die Apotheken, Fachärzte und die Pharmalobby Verantwortung, aber es braucht den älteren Menschen und sein Umfeld, die kritische Fragen stellen müssen und nicht alle Medikamente gedankenlos weiter schlucken sollten. Das kann ihnen niemand abnehmen.

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