«Was ist an der Insulinpumpe besser als an der Spritze?»

Sport ist Diabetikern grundsätzlich empfohlen, gewisse Sportarten stellen aber erhöhte Anforderungen ans Blutzucker-Management. Prof. Christoph Stettler und Dr. Roman Trepp haben Fragen dazu und zum allgemeinen Umgang mit dem Diabetes beantwortet.

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Bildlegende: Prof. Christoph Stettler und Dr. Roman Trepp. SRF

Die Einstellung des Blutzuckerspiegels ist für Diabetiker eine Daueraufgabe, die nur mit eiserner Disziplin befriedigend gelöst werden kann. Ein Hauptproblem: Sinkt der Spiegel zu stark, macht sich dies unmittelbar als «Leistungsloch» bemerkbar – steigt er aber in ungesunde Höhen, ist die daraus resultierende langfristige Belastung der Gefässe für die Betroffenen erst als Langzeitfolge spürbar.

Im «Puls»-Chat «Diabetes» haben Prof. Christoph Stettler und Dr. Roman Trepp live Fragen rund ums Thema Zuckerkrankheit beantwortet. Eine Auswahl finden Sie nachfolgend auf dieser Seite, alle weiteren im Chat-Protokoll, das Sie in der Box rechts als PDF herunterladen können.

  • Unser Sohn (10) ist vor zwei Jahren an Diabetes Typ 1 erkrankt. Er spielt oft Tennis und ist im regionalen Kader. Die Trainings sind an und für sich kein Problem. Was ihm/uns Probleme bereitet, sind die Turniere. Häufig misst er nach anstrengenden und emotionalen Matches Werte über 20 mmol/l. Die hohen Werte sind sicher adrenalinbedingt. Wir trauen uns jedoch nicht, für Matches Insulin zu geben, da die Gefahr einer Unterzuckerung einfach zu gross wäre. Was können wir tun?
    Dr. Roman Trepp: Wettkämpfe in Intervallsportarten sind häufig schwierig. Letztendlich wird man verschiedene Strategien unter engmaschiger Blutzucker-Kontrolle (z. B. mit kontinuierlichem BZ-Sensor) durchprobieren müssen – quasi kleine Studien mit einer Person. Ein kleiner Insulinbolus zum richtigen Zeitpunkt ist evtl. häufig doch das richtige. Wenn der Gegner bekannt ist, kann man Dauer und Intensität evtl. vorausschätzen. Vorbereitung ist wichtig, über möglichst viele Stunden zuvor einen stabilen Blutzucker insbesondere. Mentales Training kann bei manchen den Adrenalinschub ebenfalls etwas abfedern – leider gibt es aber kein Patentrezept
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    Experten am Telefon

    Dr. Joël Capraro, Dr. Vera König und Dr. Romain Zahnd

    Am «Puls»-Expertentelefon gaben Auskunft: Dr. Joël Capraro, Dr. Vera König und Dr. Romain Zahnd.

    Ist Diabetes vererblich? Ich trinke jeden Tag nur Eistee und Cola. Wie gross ist mein Risiko?
    Dr. Roman Trepp: Es gibt verschiedene Diabetesformen, welche zu unterschiedlichem Grad vererblich sind. Bei Typ-1-Diabetes ist das Risiko ca. 5 Prozent pro Elternteil. Das heisst: Wenn beide Eltern Typ-1-Diabetes haben, dann hat das Kind ein Risiko von ca. 10 Prozent. Bei Typ-2-Diabetes ist das Risiko pro Elternteil ca. 40 Prozent, aber dort sind es häufig auch die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten, welche «vererbt» werden. Dann gibt es auch noch speziellere Diabetesformen, wo das Risiko noch höher ist. Bezüglich Eistee und Cola: Es kommt natürlich auf die Menge an, wieviel Sie sich dazu bewegen, ob Sie übergewichtig sind und ob Sie eben eine familiäre Belastung haben. Wenn Sie normalgewichtig sind, regelmässig Sport machen und niemand in der Familie Typ-2-Diabetes hat, dann dürfen Sie schon Eistee und Cola trinken (auf die Zähne sollte man dabei aber etwas achten!).
  • Was ist der Unterschied zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2?
    Prof. Christoph Stettler: Das sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Krankheiten: Typ 1 ist eine Erkrankung, wo die Bauchspeicheldrüse kontinuierlich ausfällt und zerstört wird, bis gar kein körpereigenes Insulin mehr vorhanden ist. Die Therapie ist damit immer Insulin. Beim Typ 2 spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle, einerseits nimmt durch das meist damit verbundene erhöhte Gewicht der Bedarf an Insulin zu, parallel nimmt dann mit der Zeit die Insulinproduktion aber auch ab. Die Therapie richtet sich nach dem Stand der Krankheit: Früh sind Lifestyle-Massnahmen (Bewegung, Ernährung) wichtig, mit der Zeit spielen Medikamente eine wichtige Rolle, bei Ausfall der Insulinproduktion dann auch die Insulintherapie.
  • Bekommen eigentlich alle Typ-1-Diabetiker eine Insulinpumpe? Was ist daran besser als an der Spritze?
    Prof. Christoph Stettler: Die Insulinpumpe ist sicherlich eine sehr gute Option für fast alle Typ-1-Diabetiker. Allerdings möchten nicht alle effektiv eine Pumpe tragen und es braucht manchmal auch Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, ein Gerät auf dem Körper zu tragen. Die Vorteile sind klar: Man kann den Insulinbedarf über den Tag deutlich flexibler steuern, z. B. auch beim Sport rasch die Insulinmenge reduzieren. Zudem kann z. B. Essensinsulin abgegeben werden, ohne dass man sich vor anderen Leuten Insulin mit einem Pen spritzen muss, was dazu führt, dass das Insulin auch effektiv immer abgegeben wird. Alles in allem eine enorm flexible und individuell anpassbare Therapie.
  • Ich bin Typ-1-Diabetiker, träume schon lange von einer Paragliding-Ausbildung und vom Fliegen. Ist das für mich tabu?
    Dr. Roman Trepp: Grundsätzlich kann man das nicht als Tabu bezeichnen, aber es gibt sicher einige Vorbehalte. Rein rechtlich: Soviel mir bekannt ist, dürfen Sie fliegen. Wahrscheinlich dürfen Sie aber keine Passagierflüge machen, also niemanden ins Tandem nehmen. Ansonsten: Es kommt meiner Meinung nach sehr drauf an, wie schwierig der jeweilige Diabetes zu kontrollieren ist und wie gut ein Patient bzw. ein Patientin den Diabetes zu kontrollieren vermag. Für solche Projekte ist eine genaueste Vorbereitung und absolute Disziplin meiner Meinung nach Pflicht. Insbesondere darf man im Grenzfall nicht in die Luft, auch wenn das Wetter super schön ist und man Stunden bis zum Gipfel angereist ist! Besprechen Sie doch mit Ihrem Diabetologen, was er zu dieser Idee für Sie denkt.
  • Kann man mit Diabetes auch ins Ausland (Drittweltländer: Hitze, Hygiene, Essen etc.) verreisen?
    Prof. Christoph Stettler: Absolut. Wichtig ist eine gute und frühzeitige Planung mit Ihrem Diabetologen, damit spezifische Probleme (Schutz der Medikamente wie Insulin vor Hitze, Verhalten in speziellen Situationen) gut vorher zusammen besprochen und geplant werden können. Wichtig ist genügend Reservematerial, zudem stellen wir immer internationale Zeugnisse aus, damit Sie auch am Flughafen keine Probleme mit Medikamenten (Insulin etc) und Utensilien haben werden. Dann steht auch Reisen in entlegene Gebiete nichts im Wege.
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Sport mit Diabetes Typ 1

15 min, aus Puls vom 2.12.2013

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