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Miss Jemimas Tagebuch Tag 3: Im Rhonetal

Der Wein gehört zum Wallis wie das Raclette und das Roggenbrot – hinter dem Miss Jemima eine Verschwörung wittert.

Legende: Video Tagebuch: Salgesch und der Walliser Wein abspielen. Laufzeit 10:21 Minuten.
Aus Die Alpenreise vom 18.07.2018.

Miss Jemimas Tagebuch: Donnerstag, 2. Juli 1863

Wir öffneten unsere Fensterflügel und sahen die Frauen von Sitten, wie sie ihr Tagewerk vorbereiteten: In der lokalen Tracht samt Hut sassen sie am Strassenrand und verkauften Kirschen. Die Hüte haben schmale Krempen und sind weder eine ästhetisch befriedigende noch nützliche Weiterentwicklung gegenüber den breitkrempigen Versionen aus Savoyen.

Es gab noch kein Frühstück und so spazierten wir durch die wenigen Strassen des Städtchens, im Schatten der hohen Häuser, die einen verfallenen Eindruck machten. Wir sahen einige eindrucksvolle Schmiedearbeiten an Gittern und Wasserspeiern, die über die Häuserfronten hinausragten. Auch einige Häuser und Balkons waren mit Schmiedeeisen geschmückt.

Der Eingang zum Rathaus belohnte unsere Entdeckungsreise, nicht nur wegen der merkwürdigen Schnitzereien, sondern auch wegen der Inschriften. Im Zentrum stand ein Zitat aus dem 87. Psalm: «Sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen. Der Herr liebt die Tore Zions mehr als alle Wohnung Jakobs. Herrliche Dinge sagt man von Dir, Du Stadt Gottes.»

Wir sassen beim Frühstück, als zwei Damen in eindrucksvollen Trachten den Speisesaal betraten. Ihre Kleidung war teurer als die der Bäuerinnen, die wir zuvor gesehen hatten. Sie bestand aus einem zweifarbigen Rock aus beigem und schwarzem Stoff, der in dichten Fältchen an ein enges schwarzes Mieder mit weissen Ärmeln und einem Göller bis zum Hals anschloss. Sie trugen fast keinen Schmuck ausser Rosetten aus Filigransilber vorne und hinten neben den Ärmellöchern, die mit silbernen Ketten verbunden waren. Ein hübscher runder Hut ergänzte ihr Kostüm.

Tagebuchseite
Legende: srf / Thomas Cook Archiv, London

Zum Frühstück: Honig gehörte immer auf den Tisch und wurde gerne gegessen. Zudem gab es ein ausgefallenes keksartiges Backwerk, das in zwanzig Zentimeter langen und vier Zentimeter breiten Riegeln gebacken wird. Auch dieser Zwieback fand begeisterte Abnehmer.

Das lokale Brot konnte Magenkranke zur Weissglut treiben. Haben sich im Wallis die Zahnärzte mit den Bäckern verschworen?

Das lokale Brot aber konnte Magenkranke zur Weissglut treiben. Man hätte meinen können, dass äusserst sparsame Leute harte Brotkrusten an die Armen verteilt hätten. Doch wir waren Touristen und keine Arme! Und so gruben wir in den steinharten Brot-Krusten nach ein wenig weicher Krume. Dabei fragen wir uns – (die Antwort findet sich in keinem Reiseführer) «Haben sich im Wallis die Zahnärzte mit den Bäckern verschworen?»

Um 9.30 Uhr startete unsere geräumige Kutsche nach Leukerbad. Sie wurde von römischen und englischen Pferden gezogen, wie unser Kutscher dem Professor erzählte. Dieser Kutscher war ein intelligenter Mann mit dunklen Augen; er sprach Englisch und hatte die Weltausstellung in London besucht.

Bildvergleich

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Legende:Salgesch 1920 und heuteSalgesch in Bildern / SRF

Wir fuhren zwanzig Kilometer ins Tal hinein, rechts von uns die breite, tosende Rhone mit der Eisenbahnlinie und links die mit Reben und Mais bewachsenen Hänge. Es war für uns entsetzlich heiss, sodass wir die Augen zumachten und nur ab und zu, im Schatten eines Nussbaums, ein wenig blinzeln konnten. Auch die Arbeiter hatten sich unter jedem freundlichen Nussbaum ausgestreckt, den sie finden konnten.

Offensichtlich war für alle die Ruhezeit angebrochen – nur die zahllosen fröhlichen Grillen am Strassenrand sprangen unaufhörlich in die Luft und machten kaum weniger Lärm als die geschäftigen Webstühle im industrialisierten Lancashire.

Noch nie hatten wir derart hochentwickelte Muskatellerreben gesehen. Ihre Trauben waren so gross wie dicke Rosinen.

Noch nie hatten wir derart hochentwickelte Muskatellerreben gesehen. Ihre Trauben waren so gross wie dicke Rosinen; diese Sorte wird nur hier im Tal angebaut. In scharfem Kontrast zur üppigen Natur und einmaligen Aussicht erschienen uns hier die vielen armen, unglücklichen Kretins und Kröpfe.

Diese wunderschöne Gegend wirkt effektiv so elend und melancholisch wie keine andere in Nordeuropa. Aberglaube, Unwissen, Armut und Schmutz bei den Leuten sowie die ungesunde Atmosphäre eines engen, niedrigen Tals sind angeblich die Ursache für dieses sichtbare Elend.

Wein-Vignette
Legende: srf / Thomas Cook Archiv, London

In Sierre unterbrachen wir die Fahrt, um eine Limonade gazeuse zu trinken. Wir spazierten auf den Wegen, studierten das Insektenleben und fingen Heuschrecken in allen Grössen und Farben. Dann bogen wir ab und fuhren die Dalaschlucht hinauf, eine der beeindruckendsten Schluchten der Schweiz.

Diese Strasse ist ein weiterer Beweis für die Ingenieurskunst der Schweizer.

Diese Strasse ist ein weiterer Beweis für die Ingenieurskunst der Schweizer. Sie führt auf einer Strecke von 16 Kilometer nach Leukerbad hinauf, einem 1411 Meter über Meereshöhe gelegenen Ort. Die Strasse schlängelt sich im Zickzack zwischen Felswänden auf der einen und Abgründen auf der anderen Seite nach oben. Der Weg ist von unvergleichlicher Schönheit.

Je weiter die Strasse über die gewundenen Terrassen ansteigt, desto besser kann man nach jeder Steigung oder Kurve die Aussicht überblicken, wenn auch die Details verschwinden.

Die beiden Burgfelsen von Sitten liegen nun weit in der Ferne und wirken wie Hügelchen im Vergleich mit den schroffen Bergkämmen und Bergspitzen, welche dieses unvergleichliche Tal einrahmen.

Die Einwohner von Leuk machen einen aufgeweckteren Eindruck als unten im Tal.

Wir passierten das Dorf Leuk mit seinem merkwürdigen befestigten Hospiz. Es wirkte eher wie ein Bergfried mit Türmchen an jeder Ecke und einem Vorwerk und weckte daher Assoziationen von Kriegern mit Armbrüsten und mittelalterlichen Zeiten. Die Einwohner hier machen einen aufgeweckteren Eindruck als unten im Tal – unter den übrigen Neugierigen streckt auch der schon bekannte Student im grauen Anzug seinen Kopf zum Fenster heraus und erkennt uns wieder, während andere ein lebhaftes Interesse an uns zeigen.

Zu den am Weg liegenden Sehenswürdigkeiten zählt eine 130 Meter hohe Brücke mit drei Brückenbögen. Sie führt über die gähnende Schlucht, an deren Boden die Dala in ihrem engen Bett reissend zu Tal fliesst. Über uns hängt ein enormer Steilhang, zerschnitten von einem «gezackten, gefahrvollen Korridor» – so beschreibt es der Dichter John Barrell Cheever – durch den wir hindurch müssen. In Richtung Gemmipass schliesst das Tal mit zahlreichen Bergzinnen ab, noch weiter in der Ferne bilden erhabene Schneeberge «glitzernde Pyramiden reinsten Schnees».

Wir steigen noch höher und realisieren, dass die vermeintlichen Kaffeebohnen in Wirklichkeit wettergegerbte Sennenchalets sind.

Wir bahnen uns unseren Weg weiter nach oben, der Strasse entlang, immer noch fast senkrecht über uns liegt eine hufeisenförmige Wiese. Auf ihr liegt etwas, das wie von Berggeistern verstreute Kaffeebohnen aussieht. Wir steigen noch höher und realisieren, dass die vermeintlichen Kaffeebohnen in Wirklichkeit wettergegerbte Sennenchalets sind.