Der gute Mensch von Calais

In Calais an der französischen Kanalküste leben 6000 Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten und Afrika. In der Hoffnung auf eine Überfahrt nach England sind sie im «Dschungel» gelandet. Es gibt solche, die aus dem Elend politischen Profit ziehen. Und es gibt Dominique Mégard: er hilft!

Portrait von Dominique Mégard Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dominique Mégard hilft den Flüchtlingen im «Dschungel» von Calais aus christlicher Nächstenliebe. SRF

Eigentlich könnte sich Dominique Mégard mit gutem Grund einen schönen Lebensabend machen. Er hat ein Berufsleben lang erfolgreich als Informatiker gearbeitet, hat zwei Söhne grossgezogen, die Offiziere sind in der französischen Armee, und hat eine Frau, mit der er Ansichten und Interessen teilt. Doch statt ihre Freizeit mit Wellness, Shopping und Sightseeing zu vergeuden, engagieren sich die beiden seit Juni 2014 im «Dschungel», dem Flüchtlingslager am Stadtrand von Calais. SRF-Korrespondent Michael Gerber traf Dominique Mégard erst in seiner Küche und ging anschliessend mit ihm in den «Dschungel».

SRF: Sie gehen regelmässig in den «Dschungel, wie man das Flüchtlingslager nennt. Welche Ambiance nehmen Sie aktuell wahr?

Dominique Mégard: Wir gehen weniger häufig als früher. Bis im Oktober gingen wir täglich mit dem Generator, damit die Flüchtlinge ihre Handys aufladen konnten. Und auch mit dem WiFi-Router, damit sie Internet-Zugang hatten und mit einem Lautsprecher, damit sie Musik hören konnten. Im Oktober, als sich die Population praktisch verdoppelt hat, habe ich mich entschieden diese Dienste aufzugeben.

Warum das?

Plan von Flüchtlinscamp: links im Juli, rechts im Oktober 2015 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Dschungel» von Calais: rot eingetragen sind die Hütten und Zelte, die seit Juli neu aufgebaut worden sind. SRF

Es wurde zu schwierig für mich, einen Platz zu finden, um diese Dienste anzubieten. Ich habe meine Generatoren weiter verkauft, meine Lautsprecherboxen dem Centre Jules Ferry überlassen, wo die Frauen untergebracht sind, und die WiFi-Router an zwei Orten im Lager hinterlassen, die gut geführt sind. Ich konzentriere mich nun aufs Filme vorführen.

Was ist die Motivation für Ihren Einsatz?

Meine Frau und ich hatten im Juni 2014 begonnen, uns um die Migranten zu kümmern. Wir hatten gesehen, in welchem Elend sie leben. Und wir hatten das Bedürfnis, ihnen etwas Unterstützung zu bringen – aber etwas anderes als die grossen Hilfsorganisationen, die Nahrung, Kleider und Zelte zur Verfügung stellen. Nana, meine Frau, verkleidet sich jeweils als Clown und begleitet mich zu den Filmvorführungen. Während ich mein Material bereitstelle, macht sie den Clown. Das bringt etwas Unterhaltung.

Das ist sicher willkommen, denn dort zu leben...

Flüchtling erzählt Reporter Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Leben im Transit: Flüchtlinge erzählen ihre Lebensgeschichte SRF

...ist demoralisierend. Ich bewundere die Flüchtlinge. Jedes Mal, wenn ich vorbeikomme, lächeln sie mir zu und rufen «Hello Domdom». Sie sind sehr freundlich, trotz Wind, Regen und Schlamm. Wenn wir dort sind, werden wir gut aufgenommen, so dass es uns warm wird ums Herz. Wenn wir ankommen, empfangen die Leute mich mit Applaus. Im Centre Jules Ferry ist es dasselbe: die Kinder dort kennen mein Auto. Wenn sie uns kommen sehen, rufen sie «Domdom, huhuu, Nana huhuu, Domdom, huhuu...»

«  Wir sind Christen. Wir tun es aus Nächstenliebe. Mir scheint es ganz natürlich, das zu tun.  »

Dominique Mégard
Pensionierter Informatiker

Das ist ihr Willkommens-Gesang. Dann umringen sie uns auf dem Parkplatz und wenn wir mit ihnen zum Kino gehen, dann singen wir gemeinsam ein paar französische Lieder, die wir ihnen beigebracht haben.

Doch es gibt auch viele Leute, welche die Augen schliessen, die nichts davon wissen wollen. Was unterscheidet Sie von denen?

Gerber interviewt Mégard Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Michael Gerber im Gespräch mit Dominique Mégard im «Jungle de Calais» SRF

Wir sind Christen. Wir tun es aus Nächstenliebe. Mir scheint es ganz natürlich, das zu tun. Wir nehmen auch immer wieder Leute zu uns nach Hause: damit sie duschen können oder ein Wochenende an der Wärme verbringen. Mit dem bevorstehenden Winter wird es immer schwieriger. Seit einer Woche haben wir zwei minderjährige Kurden bei uns. Ihre Mutter ist schon in Grossbritannien, eine Anwältin versucht ihre Überfahrt zu erstreiten, aber das geht nicht vorwärts. Wir können sie ein, zwei Wochen beherbergen, aber länger geht das nicht. Es wird zu anstrengend.

Sie exponieren sich mit Ihrer Unterstützung für die Migranten, im Internet gibt es offene Drohungen gegen Sie.

Aufruf zur Gewalt gegen Mégard im Internet Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: "Jetzt sind die Résistants von Calais dran!" Aufruf zur Gewalt gegen Mégard im Internet. - Quelle: wordpress SRF

Von wem?

Das ist eine anonymisierte Website, die Sie als «Collabo» (Kollaborateur) verunglimpft. Und man wisse ja, was mit «Collabos» zu tun sei. Ich möchte Ihnen keine Angst machen, ich dachte, Sie wüssten davon.

Ich hab das nie gesehen. Und weiss nicht, was ich darauf sagen soll... Das scheint mir total surreal. Wenn ich solche Post bekommen hätte, dann hätte ich sie zerrissen. Ich unterhalte mich nicht mit hirnlosen Menschen.

«  Die Ursache für die Erfolge des Front National ist ausschliesslich mangelnde Bildung, mangelnde Kultur. Ich bin erschüttert, wie viele Jugendliche mit ihren Eltern umgehen. »

Dominique Mégard
Freiwilliger Helfer im «Dschungel» von Calais

Doch nach den Regionalwahlen, mit den vielen Stimmen für den Front National, in Calais selber machte Marine Le Pen im 2. Wahlgang 42 Prozent der Stimmen...

Mich wundert es, dass es nicht nicht noch mehr sind. Weil die Ursache für die Erfolge des FN ist ausschliesslich mangelnde Bildung, mangelnde Kultur. Ich bin erschüttert, wie viele Jugendliche mit ihren Eltern umgehen. Teilweise auch umgekehrt. Die Lehrer müssen sich in der Schule beschimpfen lassen und die Eltern geben noch einen drauf. Man muss den Leuten wieder Respekt beibringen, man hat gewisse Werte verloren.

Zum Abschluss, wo sehen Sie sich in einem Jahr mit Ihrem Einsatz?

Ich hoffe, dass dann weniger im Camp leben. Wenn sich nichts Entscheidendes verbessert, werde ich weiterhin sechs Mal wöchentlich Filme zeigen.

Um den Flüchtlingen einen Moment der Entspannung bieten zu können.

Das war immer die Motiviation von uns. Das erste Mal im Juni 2014, als eine Gruppe von Männern in den Hungerstreik traten. Da ging Nadine mit Papier und Zeichenstiften hin - sie ist Künstlerin - um ihnen eine Ausdrucksmöglichkeit anzubieten, sei's mit Zeichnen oder mit Schreiben. Eines Tages sah sie diese jungen Männer, die Tausende Kilometer zu Fuss zurückgelegt hatten. Da hat sie Massageöl mitgebracht und ihnen die Füsse massiert. Das ist auch eine Art, Entspannung zu bieten, nicht viel, aber...

Eine menschliche Geste...

Oft wenn ich in den «Dschungel» komme, habe ich das Bedürfnis, diese Menschen zu umarmen. Mit allen ist das nicht möglich. Aber es wichtig, diese Nähe zu bieten. Für sie wie für mich.

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FOKUS: Lage in Calais spitzt sich zu

4:25 min, aus 10vor10 vom 11.11.2015