Ein Sommer lang ist Familie Boss auf der Alp Fiedersegg oberhalb von Thun, auf 1400 Metern. Dort kümmern sie sich um rund 80 Kühe und Kälber. Eigentlich sind Nicole und Michael Boss mit den Kindern Aron (4) und Elén (2) in Gempenach im Kanton Fribourg zu Hause. Jetzt geben sie dieses Zuhause für ein paar Monate auf – sie wurden für die Zeit von den Alpbesitzern angestellt.
Vom Bundesamt auf die Bergweide
Im normalen Leben arbeitet Nicole 100 Prozent als Projektleiterin beim Bundesamt für Rüstung, Michael 40 Prozent. Den Haushalt und die Kinder betreut meist er. Auf der Alp läuft es jetzt umgekehrt: Nicole übernimmt den grössten Teil der Kinderbetreuung, Michael steht im Stall. Für ihn ist das vertrautes Terrain – er arbeitet als Servicetechniker bei einem Melkmaschinenhersteller und hat oft auf dem Hof seines Onkels gemolken. Für Nicole ist das Alpleben komplettes Neuland.
«Ich bin hier der Laie und muss noch viel lernen. Ich vertraue darauf, dass Michu mir helfen kann oder besser Bescheid weiss», sagt Nicole. Das bestätigt Michael und meint dazu: «Der Vorteil ist, dass ich hier mehr Ahnung habe als sie. Sie kann nicht sagen, wie sie es haben will.»
Rollentausch auf 1400 Metern
Die grössere Herausforderung ist für Nicole nicht jedoch das Vieh, sondern der Alltag mit den Kindern. «Wir werden die drei Monate alle zusammen sein, immer aufeinander», sagt sie. Sie beschreibt sich als ungeduldig und ständig unter Strom: «Ich bin immer gestresst. Ich denke immer, es reicht nie. Ich bin immer auf 200. Bei Michu hingegen ist alles locker-flockig.»
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Bild 1 von 4. Alpbesitzer Tobias Schneiter (rechts) zeigt Michael und Nicole, wie das Melken hier oben funktioniert. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Die Alp Fiedersegg, oberhalb von Thun, liegt auf 1400 Meter über Meer. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Auch während ihrer Auszeit muss Nicole manchmal ihren Laptop auspacken, um kurz zu arbeiten. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Das Waschen der Kuhschwänze vergleicht sie mit dem digitalen Erfassen ihrer Arbeitszeiten im Büro – beides mühsam. Bildquelle: SRF.
Dass an Mütter und Väter ungleich gemessen wird, spürt Nicole im Alltag deutlich. «Wenn er mal etwas unternimmt und etwas für die Kinder vergisst, helfen ihm alle. Wenn du als Mutter etwas vergessen hast, wirst du gleich abgestempelt. Das ist wirklich krass», sagt sie.
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Bild 1 von 4. Da sich Michael hier oben besser auskennt, ist Nicole öfter für die Kinder verantwortlich. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Zuhause in Gempenach ist Michael oft am Herd und kocht für die Familie. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Die Familie Boss verbringt auf der Alp den ganzen Tag zusammen. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Alle immer zusammen: Für Nicole nicht immer leicht, aber dennoch sieht sie es als Idealzustand. Bildquelle: SRF.
Gerade diese Umkehr fällt der Familie auf, die das klassische Rollenbild bewusst nicht lebt. «Wir möchten den Kindern vorleben, dass es auch anders geht, dass die Frauen nicht einfach hinter den Herd gehören. Hier oben ist es jetzt genau so klassisch, wie ich es nie wollte», sagt Nicole.
Und doch entdeckt sie etwas Schönes daran: «Eigentlich wäre das der Idealzustand als Familie. Immer zu Hause, immer zusammen.»
Abschied mit Wehmut
Während die kleine Elén sich rasch einlebt, plagt Aron das Heimweh – er fragt immer wieder, wann es zurück nach Hause geht. Michael dagegen blüht auf: «Mir gefällt es wirklich sehr gut. Ich könnte das auch das ganze Jahr machen.» Der Alpsommer hat ihm die Augen geöffnet: Er denkt inzwischen über eine Ausbildung in der Landwirtschaft nach und träumt davon, später einmal einen kleinen Betrieb zu führen.
Auch Nicole fällt das Loslassen schwer, als die Saison endet. «Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, wieder runterzugehen», sagt sie. «Ich bin einfach extrem gerne in den Bergen.» Doch früh am morgen schon im Stall zu stehen und Kuhschwänze zu waschen, das wird sie nicht vermissen: «Es ist etwa so mühsam, wie die digitale Arbeitszeiterfassung im Büro.»
Zurück in Gempenach beginnt für die Familie ein neues Kapitel – das erste Kind kommt in den Kindergarten. Die Kinder müssen wieder kurz nach 6 Uhr aufstehen. «Ich glaube, während dieser dreieinhalb Monate sind sie nie vor 8 Uhr aufgestanden», erzählt Nicole. «Darum ist es umso schöner, dass wir eine Auszeit auf der Alp machen konnten», sagt Michael.